Hundstage
Von Matthias Michel
„Heiß is’, schwitzen tu’ ich, wie soll’s mir schon geh’n!?“
Diese Worte, die der Versuch einer Entschuldigung sein könnten, sagt der „Mann für die Sicherheit“, Herr Rhuby, am Telefon zu seiner Frau. Herr Rhuby ist auch am Wochenende bei 37 Grad unterwegs, um seine Alarmanlagen feilzubieten. Dabei ist die drückende Hitze nur die atmosphärische Entsprechung des Zustands, in dem sich die Menschen (hier in einer Siedlung südlich von Wien) befinden. Diesen Zustand sichtbar zu machen, hat sich Regisseur Ulrich Seidl immer wieder zur Aufgabe gemacht. In Hundstage nennt er das Ergebnis erstmals „Spielfilm“, weil die Handlung erfunden oder zumindest vorher aufgeschrieben wurde. Zudem lässt er Schauspieler und Laiendarsteller gemeinsam vor der Kamera agieren.
Seidl zeigt uns das zum Stillstand gekommene Leben exemplarisch an zwölf Stadtrandbewohnern, die irgendwo auf Ihrer Suche nach Glück stecken geblieben sind. Da ist der Rentner und Hausbesitzer, der abgepackte Lebensmittel auf ihr Gewicht hin kontrolliert und seine Haushälterin in das Lieblingskleid seiner verstorbenen Gattin hinein- und wieder herausschlüpfen lässt. Ein Paar, das nach dem schmerzlichen Verlust der Tochter auch sich selbst verloren hat und sprachlos nebeneinander her lebt. Eine Lehrerin, deren Liebhaber sie zu Unerträglichem nötigt, den sie sich aber zu lieben nun mal entschlossen hat. Diese Menschen scheinen ihr Glück endgültig verloren zu haben, andere sind ständig in Bewegung, rennen eben diesem Glück hinterher, wie der unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Macho Mario, der seine Freundin misshandelt, um das Gefühl des Überlegenen erleben zu können oder eben Herr Rhuby, der ruhelos nach Lösungen für seine unzufriedenen Kunden sucht. Einzig die „Verrückte Anhalterin“ scheint die Situation klar zu erfassen und darum nicht darunter zu leiden: Sie konfrontiert die Autofahrer, die sie mitnehmen, mit deren körperlichen Unzulänglichkeiten, Unvernunft, Konsumwahn und Maskenhaftigkeit. Und muss dafür bezahlen.
In Hundstage gibt es allerdings keine reinen Täter, nur Suchende, die zu Opfern werden oder es längst sind. Wolfgang Thalers Bilder sind irritierend. Zum einen, weil sie Irritierendes zeigen; die Kamera geht mit uns so nah an die Figuren, wie wir selbst es niemals könnten – oder wollten. Die Misshandlungen, mechanischer Gruppensex, Verzweiflung – all die kleinen und großen Scheußlichkeiten geschehen vor unseren Augen, in dokumentaristischen Bildern, mit einer kühl zurückhaltenden Kamera von der wir wünschten, sie würde eingreifen. Statt dessen registriert sie nur, fängt das ein, was nun mal passiert. Zum anderen, weil Thaler eine zweite, unschätzbar wichtige und erholsame Bildebene kreiert: In durchkomponierten Tableaus fängt Wolfgang Thaler die Hitze und die Bewegungslosigkeit ein, die Hässlichkeit der Vorstadt und der Menschen. Diese hyperrealistischen Bilder sind es auch, die Hundstage in ihrer pathologischen Kälte erträglich werden lassen, denn nur hier spürt man die Inszenierung, hier können wir Distanz zum Gesehenen gewinnen. Wenn man sich beim Anschauen von Hundstage dabei erwischt, wie man sich gerade amüsiert, so sind es meist die Bilder dieser zweiten Art, die das Spießbürgertum zeigen, als sei das Leben ein Cartoon von Gerhard Haderer. Zugleich erzeugen diese statischen Arrangements eine symbolische Ebene, in denen die Gartenhecke zur Grenze in mehrfachem Sinn wird, die stillen Wasseroberflächen der Pools nur die aufwühlende Tiefe kaschieren und weite Fluchten nur das ewig Gleiche der Reihenhaussiedlung enthüllen. Und nur so ist es möglich, dass der Film nicht in Österreich spielt, sondern in den Vorstädten Europas, überall da, wo die Hitze, so drückend sie sein mag, das Eis zwischen den Menschen nicht zu schmelzen vermag.
Hundstage. Österreich 2001. 35mm. Regie: Ulrich Seidl, Buch: Veronika Franz, Ulrich Seidl, Bild: Wolfgang Thaler, Kameraassistenz: Marcus Kanter, Ton: Ekkehart Baumung, Schnitt: Christof Schertenleib, Andrea Wagner, Produzenten: Philippe Bober, Helmut Grasser, Produktion: Allegro Film, Darsteller: Maria Hofstätter, Erich Finsches, Franziska Weisz, Georg Friedrich.
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