Bienen – Ein Leben für die Königin

Von Aline Becker

„Eine fremde Welt, chaotisch und undurchschaubar – aber nur auf den ersten Blick: in dieser Welt hat jeder seine Aufgabe und alles seinen Platz“ – heißt es im Off-Kommentar der Dokumentation Bienen – Ein Leben für die Königin. Diese Erläuterung charakterisiert die perspektivische Herangehensweise an das Thema, die dieser Film wählt. Eröffnet wird hier ein audiovisueller Zugang zu der besagten, fremdartig anmutenden Welt der Bienen. Der Einsatz sensibler Technik – u. a. einer Endoskop-Kamera – lässt den Zuschauer mit allen Sinnen eintauchen in einen Mikrokosmos, der in seinen Detaildimensionen der menschlichen Wahrnehmung normalerweise verschlossen bleibt. Die Kamera richtet ihren Blick auf das ganz eigene, spezifische Universum, in dem sich das Leben von Bienen abspielt, das sich nach eigenen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten richtet. Räume, die den Bienen als Unterschlupf und Lebensraum dienen, die Lebensweise der Insekten sowie Organisationsformen des Zusammenlebens in einem Bienenvolk werden im Film von einer neugierig beobachtenden, aufmerksam-geduldigen Kamera in den Blick genommen. Dem Zuschauer offenbart sich im Rahmen der Bienenwelt eine Vielfalt an wächsernen Waben- und Zellenbauten, die von den Bienen genutzt werden für die Lagerung von Honig und Pollen sowie für die Aufzucht der Nachkommenschaft. Über die für den Film gewählten Aufnahmen und Kommentierungen teilt sich sehr suggestiv mit, dass der ‚Bienenstaat’ auf der Basis eines gesellschaftlich organisierten Gefüges funktioniert, in dem jedes einzelne Geschöpf seine Aufgabe hat.

Die Sorge des Bienenvolkes gilt vor allem dem Wohl der Königin, die im Zentrum der Bienengemeinschaft steht, da sie den Fortbestand des Bienenvolkes sichert. Es verdeutlicht sich immer wieder im Film, dass die Königin schicksalhaft über das Leben ihres Volkes bestimmt. Muss eine Königin ihren bisherigen Lebensraum verlassen, so begibt sich ein ganzer Bienenschwarm zusammen mit ihr auf den Weg. Treffen Schwarmbienen und Menschen aufeinander, so begegnen die Menschen den Bienen mit gemischten Gefühlen – wie der Film zeigt. Jene Insekten, die seit jeher von den Menschen für ihren Fleiß, ihren Gemeinsinn, ihr stringent organisiertes Zusammenleben und für die Fähigkeit, reichhaltigen Honig produzieren zu können, verehrt werden, sind zugleich auch gefürchtet. Ihr Giftstachel bringt den Bienen den Respekt des Menschen ein. Der Mensch wahrt gerne eine gewisse Distanz zu den Bienen und zugleich ist er doch auch fasziniert von diesen Insekten. Den Blick der Kamera auf die Bienen kennzeichnet ein besonderes Interesse, i n dem gleichsam diese Faszination spürbar ist. So beobachtet die Kamera gezielt Verhaltensprozesse, die im Rahmen der Überlebensstrategie der Bienen eine zentrale Rolle spielen. In sich dramatisch zuspitzenden Szenen kann der Zuschauer mitverfolgen, wie sich die Bienen gegenüber Feinden zur Wehr setzen. Ein tödlich endender Kampf zwischen Wächterbienen und einer Wespe sowie der Angriff eines ganzen Bienenvolkes auf einen hungrigen Bären zeigen auf fesselnde Weise die Wehrhaftigkeit der Insekten in Angriffsituationen.

Zahlreiche Makroaufnahmen eröffnen im Film die Möglichkeit, spezifische Bewegungsabläufe und Vorgänge, wie beispielsweise das Schlüpfen des Bienennachwuchses aus den Brutzellen, im Mikrobereich genau mitzuverfolgen. Immer wieder scheint die Kamera mitten unter den Bienen zu sein, mitten im Bienenvolk. Der Blick der Kamera sucht hier die Nähe zu den Insekten, zeigt sie in unglaublichen Größen- und Detaildimensionen. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen kommen im Film zum Einsatz, um spezifische Flugbewegungen einzufangen, so beispielsweise auch den virtuosen Flug von besonderen Vögeln, die zu den Fressfeinden der Bienen zählen. Im Kontext außergewöhnlicher Flugszenarien geht der Film außerdem so weit, dass sich die Kamera in die Luft erhebt, als befände sie sich auf dem Rücken eines Insekts.

Damit wird die besondere Leistung des Films noch einmal prägnant sichtbar: er eröffnet dem staunenden Zuschauer einen Zugang zu einer perspektivischen Welterfahrung, wie sie Bienen zuteil wird. – „Warum machst du keinen Film über Bienen?“ Mit dieser Frage brachte Jadwiga Thaler ihren Ehemann auf die Idee zu dieser Dokumentation. Obwohl eine Nähe zur Natur Wolfgang Thalers Leben prägt, hatte er es selbst bis zu diesem Moment noch nicht in Erwägung gezogen, dass man einen Film über Bienen machen könnte. Thaler, der vor seiner Ausbildung zum Kameramann an der Wiener Filmakademie zunächst Landwirtschaft studierte, hat selbst schon Bienen gezüchtet. Fachwissen, ein Gespür für Bienen und eine Vertrautheit mit deren Welt brachte Wolfgang Thaler folglich mit, als er sich zusammen mit Herbert Habersack daran machte, das Buch für diesen Film zu schreiben. Als Kameramann hatte sich Thaler zu dieser Zeit bereits einen Namen gemacht. Dieses Projekt wurde sein erster Film, bei dem er sich auch, gemeinsam mit Herbert Habers ack, als Regisseur betätigte. Mittlerweile sind eine Reihe weiterer Filme entstanden, in denen Wolfgang Thaler eine doppelte Funktion als Kameramann und als Regisseur wahrgenommen hat.

Bienen – Ein Leben für die Königin. Österreich 1998. Super 16mm. TV-Dokumentation. Buch und Regie: Wolfgang Thaler und Herbert Habersack, Redaktion: Walter Köhler, Text: Martin Meszaros, Sprecher: Peter Wolfsberger, Bild: Wolfgang Thaler, Kameraassistenz: Attila Boa, Ton: Joe Knauer, Musik: Tristan Schulze, Schnitt: Robert Polak, Christopher M. Stallybrass und Anita Ehrenreich, Produzent: Peter A. Mayer, Produktion: Adi Mayer Film, ORF, WDR, BMUK.





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