Agnès Godard: Selbstäußerungen
»Es ist, als ob man jemanden ansieht, aber nicht will, dass die Person es bemerkt, dass man sie ansieht. Man wirft also nur einen schüchternen Blick von der Seite und stellt fest: Das ist schön.«
(Agnès Godard im Gespräch mit Pat Thomson, American Cinematographer, Juni 2003)
»Ich mag es, Körper und die Haut zu filmen. Man fühlt sich dabei als wäre man in Kontakt mit etwas Geheimnisvollem. Wie fällt das Licht auf die Menschen, wie fällt es auf die Haut? Es ist etwas Taktiles.«
(Interview mit François Audé und Yann Tobin, Positif, 5. März 2000)
»Gesichter und Körper sind für mich die unerschöpflichsten Landschaften. Ich sehe mir gerne Leute an, ich sehe sie mir mit Liebe an. Es ist, als ob man mit jemandem tanzen würde, nur, dass man sie mit der Kamera nicht berührt.«
(Village Voice, 4.4.2000)
»Als ein Techniker muss man sich wie ein Chamäleon verhalten und an verschiedene Regisseure anpassen. Die Vorstellung, nur ein Drehbuch zu bebildern, behagt mir allerdings nicht. Ein Drehbuch sind Seiten und Worte, während das grundlegende Element der Filmsprache das Bild ist. Daher ist es sehr wichtig, sich den Übergang vom Wort zum Bild zu erarbeiten.«
(Village Voice, 4.4.2000)
Über die taktile Qualität der Arbeit mit einer Handkamera:
»Es gibt dir das Verlangen zu berühren, zu fühlen, zu liebkosen. Es ist kein Peeping Tommäßiger Blick, aber es sollte sehr sinlich sein.«
(Agnès Godard im Gespräch mit Pat Thomson, American Cinematographer, Juni 2003)
»Mit einer Kamera in der Hand hast du nicht das Gefühl, dass du die Dinge aus der Distanz betrachtest. Du bist kein Voyeur, was für mich sehr wichtig ist. Es ist wie mit Tieren: So lange man Abstand zu ihnen hält, fürchten sie sich vor einem. Aber je näher man kommt, desto weniger scheu werden sie.«
(Agnès Godard im Gespräch mit Pat Thomson, American Cinematographer, Juni 2003)
Ein Flaubert-Zitat nach Godard, an dem sie sich orientiert:
»Man muss die Dinge eine Weile betrachten, um Schönheit zu finden.«
(Agnès Godard im Gespräch mit Pat Thomson, American Cinematographer, Juni 2003)
»Ich versuche, mit nicht zu vielen Dingen zu arbeiten. Ich benutze meist zwei, drei oder vielleicht vier Lichter. Die Herausforderung ist, das richtige zu wählen und es an die richtige Stelle zu setzen.«
(Agnès Godard im Gespräch mit Pat Thomson, American Cinematographer, Juni 2003)
»Ich mag es nicht, wenn man einen Kameramann an seinen Bildern erkennt, weil er sozusagen sein ›Ding‹ gefunden hat. Die Bilder, die man finden muss, sind für jeden Film einzigartig.«
(Interview mit François Audé und Yann Tobin, Positif, 5. März 2000)
»Ich filme ebenso gerne Männer wie Frauen. Hinsehen muss heißen, berühren zu wollen. Ich kann endlos lange Gesichter und Körper beobachten, ich finde sie unerschöpflich. Die Magie des Kinos beruht auf ihrer Wirkung.«
(Interview mit François Audé und Yann Tobin, Positif, 5. März 2000)
»Ich liebe es zu filmen ohne zu proben, um zu entdecken. Es geht darum, mit der Figur zu tanzen. Oder darum, das richtige Wort zu finden, um die Gedanken der Regie zu übersetzen. Bild um Bild, für mich existiert dies nicht.«
(Libération, 20.10.2004)
»Filmen heißt, etwas sehr intensiv zu beobachten, das verschwunden sein wird.«
(Selbstauskünfte von Agnès Godard, Cahièrs de Cinéma, September 1999)
»Manchmal kann man es sehr weit treiben mit der Suche nach der idealen Kamerafahrt, der idealen Szene, dem idealen Film. Wenn man diese Ideen dann aber am Drehort nicht umsetzen kann, kann es einen derart deprimieren, dass man blockiert ist. Deswegen sollte man, von einem bestimmten Moment an, alle Ideen und Pläne beiseite legen und die Augen öffnen für das, was man am Drehort vorfindet, was sich dort abspielt. Man muss dann alle Theorie hinter sich lassen und statt dessen hinsehen und mit dem arbeiten, was sich einem bietet.«
(Selbstauskünfte von Agnès Godard, Cahièrs de Cinéma, September 1999)
»Manchmal sieht eine Aufnahme nicht so aus, wie man sie geplant hatte, aber dennoch so, wie man sie sich gewünscht hätte. Es ist, als hätte man absichtlich einen Mechanismus in Gang gesetzt, der einem dann Schritt für Schritt entglitten ist und der dem, was man hatte machen wollen, seinen einzigartigen Schliff verliehen hat, seinen Geruch, seine Farbe. Das ist das Schöne am Filmbild, diese Kleinigkeit, die man dort hinein gesetzt hat, ohne zu wissen, was sie bewirken würde.«
(Selbstauskünfte von Agnès Godard, Cahièrs de Cinéma, September 1999)
Zur Frage nach der Sichtweise von Kamerafrauen:
»Ich denke, wenn wir anders sehen, dann ist der Blick anders wegen der Person, nicht weil
diese ein Mann oder eine Frau ist.«
(Godard im Interview mit Zoe Dirse, September 2000)