Agnès Godard: Die Begründung der Jury

Mit Agnès Godard wird in diesem Jahr eine Kamerafrau ausgezeichnet, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren als eine der prägnantesten, mutigsten und einflussreichsten Bildgestalterinnen im europäischen Film erwiesen hat.

Die Kameraarbeit von Agnès Godard zeichnet sich durch eine beeindruckende Wandelbarkeit und Vielfalt aus: Erste Schritte machte sie an der Seite des französischen Altmeisters Henri Alekan bei Filmen unter der Regie von Wim Wenders und Alain Resnais in den 1980er Jahren. Bekannt geworden ist sie durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Regisseurin Claire Denis, mit der sie gemeinsam ein Dutzend Filme realisiert hat. Von den ersten Filmen an ist dabei eine intensive Neugierde auf die Welt spürbar, eine Lust am Sehen und ein Gespür dafür, die Dinge und die Menschen neu und auf andere Weise visuell zu entdecken. Es sind zuallererst Körper in Bewegung, für die Godard immer wieder aufregende Bilder (er)findet – ob dies nun Füße sind, die nackt über Steine laufen, ausdrucksstarke Gesichter, eine einzelne tanzende Figur, Körper, die im Nahkampf aufeinander prallen oder wogende Menschenmengen. Die Kamera kann dabei eine intimen Nähe herstellen wie in den zahlreichen Großaufnahmen von NÉNETTE ET BONI oder überwältigende Panoramen entwerfen wie die karge Wüstenlandschaft Djiboutis in BEAU TRAVAIL. Stets ist dabei ein großes Interesse an der Welt und eine intime Zuneigung zu den Menschen spürbar, somit eine zutiefst menschliche Dimension der Fotografie.

Diese Nähe wird häufig nicht durch großen technischen Aufwand, sondern, im Gegenteil, durch die bewusste Reduktion der Mittel erreicht: In US GO HOME etwa tanzt Grégoire Colin in einem Teenagerzimmer vor Godards Kamera – kein Zoom, kein Schnitt, nur ein Mitschwenken der Kamera mit der Figur. Sie hält eine angemessene Distanz und lässt so sprachlos und direkt die Dynamik der Figur (an und) für sich sein: das Hin und Her, ihre Hoffnung, ihr Leid und ihr Glück im simplen Tanz und Mitsingen des Liedes vor einer braunen 1970er-Jahre-Tapete. Die ungeschnittene Szene dauert in Echtzeit die kleine Ewigkeit einer Zigaretten- und Songlänge.

Neben der prägenden Zusammenarbeit mit Claire Denis hat Agnès Godard auch für eine Reihe anderer Regisseure unvergessliche Bilder geschaffen, darunter solch bedeutende Persönlichkeiten des europäischen Kinos wie Agnès Varda, Peter Handke, Érick Zonca, Noémie Lvovsky, André Téchiné, Emanuele Crialese, Claude Berri und Ursula Meier. Ihre Vielseitigkeit zeigt sich auch darin, dass Godard sich nicht über einen bestimmten visuellen Stil oder ein einzelnes Gestaltungsmittel definieren ließe; eher ist ihre Offenheit gegenüber unterschiedlichen Stoffen und Stilen prägend, denen sie immer wieder ebenso angemessene wie überraschende Bilder verleiht. So ist es keine vordergründige Kunstfertigkeit oder eifrig demonstrierte Virtuosität, sondern die Erschaffung einer eigenen visuellen Welt im Zusammenspiel mit anderen Beteiligten am Film, die bei der Betrachtung des Gesamtwerkes auffällt.

Wenn es darüber hinaus doch so etwas wie einen gemeinsamen Nenner ihrer bildgestalterischen Arbeit gibt, so liegt dieser in der Autonomie des filmischen Bildes. Häufig wird von der Kamera im Film eine dienende Funktion erwartet, nach der diese die filmische Erzählung, also das Drehbuch, zu illustrieren hat. Die von Agnès Godard gedrehten Filme zeichnen sich gerade dadurch aus, dass die Bilder selbst ihren Eigensinn behalten, ihr ästhetisches Gewicht, ihre sinnliche Kraft und ihre poetische Präsenz. Die narrative Dimension schwingt zwar stets mit, steht aber nicht allein im Zentrum, sondern ergibt sich häufig erst in einem zweiten Schritt, nachdem zunächst Texturen und Farben, Formen und Licht ihren Reichtum entfaltet haben. Dadurch gelingt es, die Zuschauer in den Bann der Bilder zu ziehen, die mit Lebensnähe und Gegenwärtigkeit, mit Sensualität und Menschlichkeit pulsieren.