Anthony Dod Mantle: Selbstäußerungen
Über seine Arbeit als Bildgestalter
Als ich etwa 24 Jahre alt war – ich war gerade auf einer Reise durch Indien – kam ich auf das Fotografieren, denn ich sah dort so viele außergewöhnliche Dinge. Ich habe einfach geknipst und geknipst und geknipst, in Farbe und in Schwarzweiß, überall habe ich Bilder gemacht. Mich hat das unheimlich fasziniert, aber nicht nur Indien sondern die ganze Welt, und der Gedanke Bilder zu machen und dabei zuzuschauen, wie sie langsam durch die Chemikalien in der Dunkelkammer sichtbar werden. Nach meiner Rückkehr habe ich innerhalb eines halben Jahres fünf Fotografiekurse belegt und mich als Fotograf geübt. Ich habe Ausstellungen gemacht, bin weiterhin gereist und habe schließlich meinen Abschluss gemacht. Aber schon bald habe ich gespürt, dass Film noch aufregender wäre, also habe ich mich für vier Jahre in der National Film School of Denmark in Kopenhagen als Kameramann eingeschrieben.
[Goodie Goodie: Anthony Dod Mantle: http://www.goodiegoodie.com/Gg/The_Spread/Anthony-Dod-Mantle.gg]
Ich entscheide mich nach dem Drehbuch. Offenbar freut es mich, wenn es jemand ist, mit dem ich kommunizieren kann, dem ich zugetan bin, besonders beim Regisseur natürlich, aber bei mir ist es das Skript, das mich fesselt. Ich sage nicht, dass der Regisseur eine untergeordnete Rolle spielt, selbstverständlich ist er sehr wichtig. Aber ich schaue vor allem auf das Drehbuch, weil ich glaube, dass ich mich in diesem Stadium am besten einbringen kann und der Person und der Geschichte mein Bestes geben kann.
[Berlinale Talentcampus: Christopher Doyle and Anthony Dod Mantle - We believe it's about engagement: http://www.berlinale-talentcampus.de/story/87/1787.html]
Die Seele, nicht der Stil ist es, worauf es ankommt. Eine Technik, die nicht zu Kunst wird, ist uninteressant. Leute fürchten das Neue und Unvorhersehbare. Es ist schwer zu verstehen warum, denn die Sprache des Kinos verlangt nach ständiger Erneuerung. Jede Geschichte hat ihre Form, und jetzt, da ich viel mit der Dogma-Methode experimentiert habe, möchte ich weiter zu etwas Neuem gehen. Ich bekomme viele Angebote aus Amerika, aber ich will meine Basis in Dänemark behalten, wo ich von Zeit zu Zeit einen Werbespot drehe, um mich technisch in Übung zu halten und ein bisschen Familienleben genießen kann. Mit großen Hollywood-Projekten, die vielleicht gigantische technische Herausforderungen bieten, aber keine interessanten Ideen oder Geschichten haben, möchte ich nicht meine Energie verschwenden. Ich mache viel lieber Filme mit einem engagierten Regisseur, der neue Wege beschreiten will. Gewohnheiten sind da, sie zu ändern.
[Internet Encyclopedia Of Cinematographers - Anthony Dod Mantle: http://www.cinematographers.nl/PaginasDoPh/dod%20mantle.htm]
Bildgestaltung bedeutet Integrität gegenüber der Geschichte und dem, was du versuchst zu tun. Sie ist eine Sprache. Sie hat nichts gemein mit Englisch, Japanisch oder Chinesisch, sie hat etwas zu tun mit Bildern, Sound und Bewegung. Sie ist Musik – und Bewegung. Deshalb spricht man über die Kamera, was sich vor der Kamera abspielt und das Publikum. Sie trifft einen Nerv, der dir persönlich etwas bedeutet. Und wenn du ihn in der Montage erweiterst, und er größer und größer wird, wird sie einen Nerv da draußen erreichen, Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Kulturen kommen.
[Berlinale Talentcampus: Christopher Doyle and Anthony Dod Mantle - We believe it's about engagement: http://www.berlinale-talentcampus.de/story/87/1787.html]
Für mich ist es so: Man kommt an einen bestimmten Ort mit einem besonderen Kontrast, einer besonderen Energie und einer besonderen Stimmung. All das ist im Licht und in den Schatten. Wenn man dann mit nur 70% davon zurückkommt, weil man minderwertige Werkzeuge hat, dann ist das, als ob jedes dritte Wort in den Dialogen der Schauspieler fehlen würde. Das ist meine Mission. Als Danny Boyle in Indien die Darsteller auswählte, fuhr ich durch ganz Europa und probierte verschiedene Kameras so zu konfigurieren, dass alles optimal funktioniert.
[http://theenvelope.latimes.com/awards/emmys/la-en-mantleqa10-2008dec10,0,7570019.story]
Wenn ich einen Film gemacht habe, ist er für das Kino gedacht, so dass ihn zumindest eine bestimmte Anzahl von Menschen dort sehen kann. Aber ich bin offen für alle Möglichkeiten und Gelegenheiten. Ich muss unvoreingenommen bleiben. Ich würde morgen rausgehen und einen Film mit einem Handy drehen, wenn ich der Meinung wäre, dass es passend wäre und die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, es genauso sehen würden wie ich. Ich komme von der Malerei und einer Welt der Maler, und so denke ich, dass die treibende Kraft in mir vielleicht nicht die Verliebtheit in den Kontrastfilter und eine sublime Kontrastkurve ist. Ich glaube, sie kommt von irgendwo anders her.
[Goodie Goodie: Anthony Dod Mantle: http://www.goodiegoodie.com/Gg/The_Spread/Anthony-Dod-Mantle.gg]
Magische Momente der Kameraarbeit
Ich spreche von den kurzen Momenten während der Dreharbeiten, in denen wir alle wahrhaftig die Mechanik unserer voyeuristischen Aufgabe vergessen und in denen ich emotional in das Geschehen eintauche, dessen Zeuge und scheinbar auch dessen Teil ich gerade werde. Das sind die magischen Momente für jeden Filmschaffenden, und ich bin überzeugt, dass das Publikum dieselbe Begeisterung spürt, wenn das Material die Phase des Schnitts überlebt.
[Anthony Dod Mantle: Bemerkungen zu meinen Tagen mit DOGMA. In: Jana Hallberg, Alexander Wewerka (Hrsg.): Dogma 95. Zwischen Kontrolle und Chaos. Berlin 2001, S. 275]
Eine Handkamera, die den Schauspielern durch Licht und Dunkelheit der gegebenen Beleuchtung folgt, vermag eine authentische Energie zu erzeugen, die, wie manche sagen würden, an den Dokumentarfilm erinnert – ich denke aber: an das Leben. Die Beweglichkeit und Wendigkeit, die mit dieser Aufnahmetechnik verbunden ist, lockte mich, manchmal ohne daß ich es wußte, stärker in den Bereich der Schauspieler hinüber, wobei sich die Schauspieler in normale Menschen verwandelten, die die Anwesenheit des Drehteams nicht mehr spürten.
[Anthony Dod Mantle: Bemerkungen zu meinen Tagen mit DOGMA. In: Jana Hallberg, Alexander Wewerka (Hrsg.): Dogma 95. Zwischen Kontrolle und Chaos. Berlin 2001, S. 275]
Über die Beziehung von Regisseur und Bildgestalter
Ich denke die Kritiker und Journalisten haben viel zu wenig Verständnis für die Beziehung von Regisseur und Bildgestalter. Die drei Dogma Filme DAS FEST, MIFUNE und JULIEN DONKEY-BOY haben mir die sozialen Mechaniken des Filmemachens aufgezeigt, bei denen es um Vertrauen und Respekt geht. Wenn du die richtige Crew hast, spielt es keine Rolle, ob es drei Stunden dauert, eine Szene einzuleuchten: Sie werden es perfekt machen, weil es ihr Job ist. Und wenn ich mit vorhandenem Licht arbeite, ist es immer noch genauso schwierig für mich, herauszufinden wie ich einen Schauspieler so von hier nach da bekomme, dass man ihn sehen kann. Aber Thomas Vinterberg, Søren Kragh-Jacobsen und Harmony Korine waren manchmal so verblüfft oder verwirrt von der Tatsache, dass wir tatsächlich an bestimmten Orten drehen konnten, dass plötzlich nicht einmal mehr die Situation vorherrschte, in der der Regisseur denkt „Gut, der Kameramann weiß genau, was er macht mit seinen Lichtern und Werkzeugen, ich brauche mir also keine Gedanken darüber zu machen, wie oder warum sie in diese Ecke gelangen.“
[‚You’re talking serious decomposition here‘: Anthony Dod Mantle & shooting Dogma-style. In: Richard Kelly: The name of this book is Dogme95. London 2000; S. 109]
Die Arbeit nach den Regeln von DOGMA 95 (…) hat mich auf einer primitiven Ebene weiter vorangebracht und zurückgeworfen als jedes andere Filmprojekt bisher. Vorangebracht insofern, als der Prozess, eine neue Geschichte in Bilder zu fassen, stets eine bereichernde und belebende Erfahrung ist, besonders wenn man mit hochkarätigen Regisseuren zusammenarbeitet, wie das bei den Mitgliedern von DOGMA der Fall ist. Zurückgeworfen, weil die Arbeit innerhalb der Grenzen von DOGMA mir half, die Möglichkeiten, eine Geschichte mit vereinfachten künstlerischen Mitteln zu erzählen, neu zu überdenken.
[Anthony Dod Mantle: Bemerkungen zu meinen Tagen mit DOGMA. In: Jana Hallberg, Alexander Wewerka (Hrsg.): Dogma 95. Zwischen Kontrolle und Chaos. Berlin 2001, S. 275]
Danny Boyle kam mit einigen Lieblings-Wörtern wie „Energie“ und „Geschwindigkeit“ und „Rennen“ und er kennt mich gut genug um zu wissen, dass ich mich darauf einlassen würde. Er kann sehr selbstbewusst und auch stur sein, aber so hält er eben auch alles zusammen. Sehr schnell war uns klar, dass er, selbst mit solch vagen Ideen wie „Energie, Tempo. Geschwindigkeit, bleib in Bewegung, versuche, nicht zu kontrollieren“, die beste Qualität von mir will. Er würde das niemals zu mir sagen, er versteht die Schwierigkeiten dabei, aber ich persönlich will ihm das Beste geben, was ich kann.
[Los Angeles Times The Envelope - Anthony Dod Mantle, cinematographer, Slumdog Millionaire: http://theenvelope.latimes.com/awards/emmys/la-en-mantleqa10-2008dec10,0,7570019.story]
Danny Bolye ist extrem selbstbewusst, er wird immer einen Rat haben, man wird mit ihm niemals die Orientierung verlieren, niemals stecken bleiben. Zu einem Projekt mit Danny könnte ich spät dazu stoßen, weil er eine Vision haben und diese entwickeln wird. Ich will gar nicht wissen, wie es wäre, zu spät zu einer Arbeit von Thomas Vinterberg zu kommen, weil so viel Vorbereitung nötig ist, um ihm bei seinen Entscheidungen zu helfen.
[Film Ireland – Anthony Dod Mantle Dogmatic: www.filmireland.net/96/anmatle.htm]
Lars von Trier und ich haben eine Menge Spaß und wir kennen uns sehr gut, er ist ein guter Freund. Und er ist sehr weise und sehr vertrauensvoll, sinnlich, exzentrisch und sehr künstlerisch. Er ist ein sehr talentierter Mensch, außerordentlich talentiert. Es gibt nicht viele solcher Menschen und ich liebe es, mit ihnen mein Leben zu teilen. Es bringt einen irgendwie voran. Es fördert Dinge in einem zutage, deren man sich überhaupt nicht bewusst war. Es ermutigt einen Dinge zu tun, die man vielleicht nie gemacht hätte. Das ist für mich sehr wichtig und es gilt für alle Regisseure mit denen ich arbeite.
[Film Ireland – Anthony Dod Mantle Dogmatic: www.filmireland.net/96/anmatle.htm]
Über seine Filme
‘DAS FEST’:
Ich war mehr an der Geschichte interessiert als an den Dogma-Regeln und etwa eine Woche vor Drehbeginn bekam ich das Gefühl, wir wären auf der Spur von etwas Wichtigem und Außergewöhnlichem. Und dann hatten wir die glückliche Erfahrung, dass alles – Geschichte, Schauspiel, Kameraarbeit – in einem größeren Ganzen aufging. Ich fühlte mich, als wäre ich zu einem der Schauspieler geworden, und musste die Situationen blitzartig einfangen. Meine Aufgabe war es, einen emotionalen Raum mit Platz für das Unkontrollierbare zu schaffen.
[Artikel von Liselotte Michelsen & Morten Piil, 'Exposure – The Magazine', Summer 2003]
‘DOGVILLE’:
Dogville ist ein Beispiel für einen Film, der genauso geworden ist, wie ich dachte, dass er werden würde, aber ich hatte gehofft, dass Lars von Trier mir vielleicht erlauben würde, die Oberflächenstruktur noch etwas stärker hervorzuheben. Tatsächlich ist es eine sehr feine und behutsame Wiedergabe unseres Lichtaufbaus, den wir vorher sehr genau geplant hatten, weil ja alles auf einem einzigen Set spielt. Und es sieht nicht nach Film aus, es sieht nicht nach Video aus, es sieht genau nach dem aus, was es ist, irgendetwas dazwischen.
[Film Ireland – Anthony Dod Mantle Dogmatic: www.filmireland.net/96/anmatle.htm]
‘SLUMDOG MILLIONÄR’:
Ich musste ein Kamera-Set-up finden, das auf der einen Seite ergonomisch genug war, damit ich durch die Slums hetzen konnte um die Kinder zu verfolgen, andererseits musste es so viel Detailzeichnung wie möglich in den Schatten und Lichtern bewahren können. Wir brauchten also eine digitale Kamera mit großem Kontrastumfang und etwas sehr Kleines, um die Welt der Kinder auf deren Augenhöhe zu betreten. SLUMDOG MILLIONÄR verlangte einen völlig neuen taktischen Ansatz.
[Silicon Imaging - Slumdog Millionaire shot with innovative SI-2K Digital Cinema Camera: http://www.siliconimaging.com/DigitalCinema/News/PR_01_31_09_Slumdog.html]
Danny Boyle und ich hatten erst geplant, das Meiste auf Film, auf Zelluloid zu drehen, und Einiges in den Slums auf einem digitalem Format, weil wir zunächst einmal einen Weg finden mussten, um überhaupt dort hinzukommen. Was passiert ist, dass er sich in die Kameras verliebt, in die Art, wie ich mich mit ihnen bewege. Es war eine neue Sprache, die wir zu entdecken begannen. Ursprünglich dachten wir, dass wir etwa 70% auf Film drehen würden und etwa 30% digital. Letztlich haben wir 60% digital gedreht. Und ein kleiner Prozentsatz wurde mit einer digitalen Fotokamera gedreht, was den Augenblick intensiviert. Danach musste ich alles miteinander vermählen.
[http://theenvelope.latimes.com/awards/emmys/la-en-mantleqa10-2008dec10,0,7570019.story]
Übersetzungen aus dem Englischen von Andreas Kirchner und Matthias Michel