Anthony Dod Mantle: Die Begründung der Jury

Mit Anthony Dod Mantle wird einer der innovativsten und einflussreichsten Bildgestalter des europäischen Gegenwartskinos ausgezeichnet. Seiner unbändigen Experimentierfreude im Einsatz verschiedenster Aufnahmesysteme, seiner bildschöpferischen Kreativität und seinem Mut, althergebrachte Konventionen zu brechen, sind einige der visuell imposantesten Filme der letzten Jahrzehnte zu verdanken. Seine technische Perfektion, seine Hingabe an jedes einzelne Projekt und seine Bereitschaft, immer wieder filmkünstlerisches Neuland zu betreten, werden von bedeutenden Regisseuren wie Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kevin Macdonald oder Danny Boyle geschätzt, deren Stammkameramann er ist.
Es war Anthony Dod Mantle, der in DAS FEST (1998, Regie: Thomas Vinterberg) als einer der ersten die gestalterischen Potenziale einer kleinen, für den Amateurmarkt konzipierten Digitalkamera erkannte und mit der kalkulierten Rauheit der Bilder entscheidend zur verstörenden Intensität dieses ersten Films der dänischen Dogma 95-Bewegung beigetragen hat. Dod Mantle weiß die Einschränkungen des Dogma 95-Manifests, zu denen beispielsweise das Gebot der Handkamera und der Verzicht auf künstliche Beleuchtung gehört, kreativ zu nutzen und überrascht mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und verschatteten Bildern von geradezu malerischer Qualität jenseits aller Zuschreibungen wie Realismus oder Authentizität.
Nicht nur als Kameramann dieses stilbildenden, für den Erfolg der Dogma 95-Bewegung enorm wichtigen Films, sondern auch, weil er mit dem ebenfalls international erfolgreichen MIFUNE (1998, Regie: Søren Kragh-Jacobsen) und dem experimentellen JULIEN DONKEY-BOY (1999, Regie: Harmony Korine) zwei weitere bemerkenswerte Filme der Bewegung fotografiert hat, gilt er zu Recht als eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Seinen Ruf als Wegbereiter des digitalen Kinos hat Anthony Dod Mantle spätestens mit dem Einsatz von DV-Kameras in dem Endzeit-Horrorfilm 28 DAYS LATER (2002) gefestigt, der ersten Kooperation mit Danny Boyle.
Das Werk Anthony Dod Mantles ist geprägt von einer enormen Vielseitigkeit. In DOGVILLE (2003), bei dem Regisseur Lars von Trier die Kamera weitgehend selbst führte, nahm Dod Mantle die Position eines klassischen Directors of Photography ein, der die Visualität des Films überwacht und vor allem die Lichtgestaltung verantwortet. Gerade in einem die Grenzen zwischen Film, Literatur und Theater auslotenden Experiment wie DOGVILLE kommt der Lichtsetzung eine außerordentliche Bedeutung zu. Dod Mantle beweist nicht nur hier, sondern auch in der Fortsetzung MANDERLAY (2005, Regie: Lars von Trier) eindrucksvoll, dass er auch diesen Bereich seines Handwerks souverän beherrscht. Mit den Mitteln der Lichtsetzung haucht er dem Städtchen Dogville Leben ein, dirigiert nuanciert die Atmosphäre des Films und leitet virtuos dessen erschütterndes Ende ein. Von solch atmosphärischer Dichte ist auch die jüngste Zusammenarbeit zwischen Anthony Dod Mantle und Lars von Trier gekennzeichnet: Der visuellen Suggestion des kontrovers diskutierten Psycho-Horror-Thrillers ANTICHRIST (2009) können sich selbst dessen Kritiker nur schwerlich entziehen.
Die Wahl der Kamera und des Materials ist bei Anthony Dod Mantle niemals manierierter Selbstzweck, sondern stets Resultat einer bewussten Entscheidung im Dienste der erzählten Geschichte. Häufig begnügt er sich nicht mit einem Format für den gesamten Film, sondern entscheidet über seine Werkzeuge nach den Erfordernissen einzelner Sequenzen. Bereits in JULIEN DONKEY-BOY griff er neben handelsüblichen DV-Kameras auch auf Infrarottechnik und so genannte „Spycams“ zurück, Miniaturkameras, die es ermöglichen, unbemerkt zu filmen. Im weitgehend auf 16mm gedrehten Politthriller DER LETZTE KÖNIG VON SCHOTTLAND (2006, Regie: Kevin Macdonald) setzte er beispielsweise für Großaufnahmen des Hauptdarstellers Forrest Whitaker 35mm-Material ein, um dem Wahnsinn des von diesem verkörperten ugandischen Diktators Idi Amin besser Ausdruck verleihen zu können. Sowohl in 28 DAYS LATER als auch in der mehrfach ausgezeichneten Kartäuser-Dokumentation DIE GROSSE STILLE (2002, Regie: Philip Gröning), kombiniert er klassisches Filmmaterial mit modernster Digitaltechnologie.
Zwischen verschiedenen Aufnahmesystemen bewegt sich Dod Mantle auch in seinem bislang erfolgreichsten Film, dem weltweiten Erfolg SLUMDOG MILLIONÄR (2008, Regie: Danny Bolye), für den er mit dem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet wurde. Um der Vielfalt der Stationen im bewegten Leben des „Slumdogs“ Jamal gerecht zu werden, arbeitete Dod Mantle abermals mit verschiedenen analogen und digitalen Kameras – die rasanten Verfolgungssequenzen in den Slums von Mumbai verdanken ihre Intensität zum Teil sogar einer digitalen Fotokamera – und setzte zudem diverse Filmmaterialen mit unterschiedlichen Charakteristika ein. Das Ergebnis sind nie gesehene Bilder Indiens zwischen kaum ertragbarer Schonungslosigkeit und bezwingender Schönheit, die sich in perfekter Synthese zu einem der mitreißendsten Filme der letzten Jahre ergänzen.
Anthony Dod Mantle ist ein intuitiver Experimentator, ein visueller Stratege, ein perfekter Teamplayer und ein technikbegeisterter Visionär, der seine Mittel äußerst sorgsam und mit großer Souveränität wählt. Er ist ein Bildkünstler, der sich jenseits der Konventionen immer wieder neu erfindet und sich gerade dadurch treu bleibt, ein Grenzgänger und Grenzüberschreiter, der keinen Stillstand duldet und die Bildsprache ständig weiterentwickelt.