Jost Vacano: Die Begründung der Jury

Jost Vacano © Privatarchiv Jost Vacano
Mit Jost Vacano wird das Lebenswerk eines herausragenden und weltweit anerkannten Kameramanns ausgezeichnet. Jost Vacano gehört zu den wenigen deutschen Kameraleuten der Gegenwart, die internationale Bedeutung erlangt haben und die in Hollywood, am immer noch wichtigsten Produktionsort des Kinos, auf Dauer Fuß fassen und dort kontinuierlich außergewöhnliche, weithin beachtete Filme drehen konnten.
Seit seinen Anfängen im Fernsehspiel der 1960er Jahre arbeitete Jost Vacano mit der Handkamera, die für sein Bildverständnis entscheidend ist. Die Handkamera schreibt eine körperliche Präsenz des Kameramanns in die Bilder ein, erzeugt keine tableauhaft abgeschlossenen Bildräume, sondern sie agiert in einem fließenden Raumkontinuum. Diese Potentiale nutzte Jost Vacano lange vor der Dogma-Bewegung mit großer Konsequenz und ließ so die Zuschauer unmittelbar teilhaben an der spezifischen Atmosphäre der Räume und der Einzigartigkeit des Augenblicks. Jost Vacano ist ein Kameramann der präzisen Aktionsbilder, und so entstanden unter seiner Bildregie Bewegungsfilme in einem radikalen Sinn – mit rasanten Travellings, fließenden Übergängen und genau abgezirkelten Kreisfahrten. Das literarisch-betuliche Fernsehspiel, bei dem Jost Vacano mit so wichtigen Regisseuren wie Rolf Hädrich, Oswald Döpke, Eberhard Itzenplitz, Rainer Wolffhardt, Peter Zadek und vor allem Peter Beauvais zusammengearbeitet hat, wurde durch eine solche Bewegungsdynamik nachhaltig modernisiert und gewann so Anschluss an die Nouvelle Vague. Auch junge Autorenfilmer wie Peter Schamoni, Volker Schlöndorff und Roland Klick setzten am Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre auf den Kameramann Jost Vacano und seine innovative Bildgestaltung, die Tempo und Temperament verbindet und mit der Tradition des „schönen“, kunstvoll gestellten Bildes bricht.
Die Bildarbeit von Jost Vacano wird von klaren und prägnanten Grundüberzeugungen geleitet. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass die Kamera die Blickposition des Zuschauers einnimmt und leitet daraus eine besondere Verantwortung ab. Die Kamera garantiert sowohl die Lesbarkeit der Bilder wie auch das Verstehen der Geschichte, der Figuren und der Situationen. Bildgestaltung muss daher stets vom Blickwinkel des Zuschauers ausgehen und auf ihn bezogen sein.
Nach eigenem Bekunden arbeitet Jost Vacano eher intuitiv und ist offen für das Unvorhergesehene und Vorgefundene. Er schätzt besonders den Prozess des Drehens und das gemeinsame kreative Erarbeiten der visuellen Formen. Und doch sind seine Bilder konzeptionell genau durchdacht, auf den Stoff und auf die Geschichte präzise abgestimmt, auf größtmögliche psychologische Wirkung ausgerichtet. In seiner Lichtsetzung geht er immer vom gegebenen, natürlichen Licht aus und entwickelt daraus eine logische, sich selbst erklärende und für den Zuschauer in jeder Einstellung transparente Lichtordnung.
Jost Vacano besitzt herausragende technische Fähigkeiten. In der Tradition so großer Kameraleute wie Karl Freund und Gregg Toland gab er sich mit den standardisierten Gerätschaften und Optiken nicht zufrieden, sondern wurde zum Erfinder neuer Aufnahmesysteme und damit neuer Ausdrucksmöglichkeiten des Bildes. Für den Welterfolg DAS BOOT (Regie: Wolfgang Petersen nach dem Erinnerungsbuch von Lothar-Günther Buchheim, 1981) konstruierte er eine eigene kreiselstabilisierte Körperkamera mit einem neuartigen, vertikal angeordneten Sucher. DAS BOOT wurde in vielfacher Weise zum Film seines Lebens. In dieses gigantische Projekt konnte Jost Vacano alles einbringen, was ihn besonders auszeichnet: seinen technischen Erfindergeist, die Fähigkeit, mehrere Aufnahmeteams zu leiten und eine komplizierte Studiomaschinerie zu beherrschen. Die konzeptionellen Entscheidungen von Jost Vacano, den Film ganz aus der Hand zu drehen, eine extrem bewegte Kamera einzusetzen, eine eher dokumentarische Ästhetik anzustreben und vom gegebenen, „natürlichen“ Licht auszugehen, prägten den Film entscheidend und sind daher auch maßgebend für die weltweite Wirkung. Jost Vacanos Bilder von der unerträglichen Anspannung der U-Boot-Besatzung, der permanenten, ungreifbaren Bedrohung und der absoluten Hilflosigkeit definieren erst eigentlich den U-Boot-Krieg als die wohl brutalste Zuspitzung der modernen Kriegsführung überhaupt, als einen Kampf im Grunde ohne jede Überlebenschance in der absoluten Verlorenheit der Tiefsee. Diese Bilder gehören zum Kernbestand der Kinematographie des 20. Jahrhunderts und sind in unser kollektives Gedächtnis eingegangen.
DAS BOOT und die Oscar-Nominierung eröffneten Jost Vacano eine Weltkarriere und ermöglichten ihm, von 1986-2000 in Hollywood mit großen Budgets und mit einer gigantischen Studiotechnik zu arbeiten. Vor allem in den fünf Filmen, die Jost Vacano mit dem holländischen Regisseur Paul Verhoeven gedreht hat (ROBOCOP, 1987; TOTAL RECALL, 1990; SHOWGIRLS, 1995; STARSHIP TROOPERS, 1997 und HOLLOW MAN, 2000), ist die eigene programmatische Linie deutlich erkennbar: ein geschlossenes visuelles Konzept, eine logische, „natürliche“ Lichtführung selbst im Science-Fiction-Genre, die dynamisch bewegte Kamera.
Jost Vacano ist ein selbstbewusster und streitbarer Kameramann, der für seine Bildideen kämpft und sich mit seinen Regisseuren kreativ auseinandersetzt. Seit vielen Jahren engagiert er sich leidenschaftlich für die Belange seines Berufsstands, war über 20 Jahre im Vorstand des Bundesverbands Kamera – bvk, dessen Ehrenmitglied er ist. Seit Anfang der 1980er Jahre streitet er hartnäckig für eine stärkere Berücksichtigung der Bildgestaltung im Urheberrecht. Vacano riskiert und gewinnt nervenaufreibende Prozesse, meldet sich bis in die Politik hinein immer zu Wort und hat so die Situation des gesamten Berufsstands und seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit erheblich verbessert.
Auch in dieser Hinsicht ist Jost Vacano ein herausragender, ein einzigartiger Kameramann.
< zurück