Wolfgang Thaler: Die Begründung der Jury

Mit Wolfgang Thaler wird der wohl wichtigste Kameramann des österreichischen Gegenwartskinos ausgezeichnet. Seine herausragende Bildgestaltung hat wesentlich dazu beigetragen, dass aktuelle österreichische Filme in der ganzen Welt große Beachtung erfahren. Dies gilt vor allem für das Genre des Dokumentarfilms, der sich in den letzten Jahren das Kino zurückerobert hat. Die avancierten und erfolgreichen Dokumentarfilme der letzten Jahre kommen beinahe alle aus Österreich: Darwin’s Nigthmare (2005; Regie und Kamera: Herbert Sauper), We feed the World (2005; Regie und Kamera: Erwin Wagenhofer) und vor allem Workingman’s Death (2004; Regie: Michael Glawogger), bei dem Wolfgang Thaler für die Kameraarbeit verantwortlich war.

Megacities (1997), ebenfalls von Wolfgang Thaler unter der Regie von Michael Glawogger fotografiert und vielfach mit Preisen ausgezeichnet, bedeutete den entscheidenden Durchbruch für diesen neuen, offenen und essayistischen Dokumentarismus, der ganz auf die Kraft der Bilder vertraut. Mit diesem Film, der Menschen und ihrem oft dramatischen Überleben in den Supermetropolen Bombay, Moskau, Mexiko City und New York nachspürt, der Grausames und Anrührendes entdeckt, hat sich Wolfgang Thaler als ein weltweit agierender Kameramann etabliert. Er ist immer auf der Suche nach neuen, bewegenden Bildern, führt uns an extreme Orte, die ansonsten dem Blick entzogen sind. Er bringt uns Schicksale nahe, von denen wir ohne diese Bilderreisen nie etwas geahnt hätten. Mit seiner Kamera begibt sich Wolfgang Thaler beständig auf Expedition und verlässt dabei die gewohnten Routen. Ob nun an den Steilhängen des Hochgebirges (Am Limit; 2007; Regie: Pepe Danquart), in den Mikrowelten der Bienen und der Ameisen (Bienen – ein Leben für die Königin; 1998; Ameisen – die heimliche Weltmacht; 2005; Regie und Kamera: Wolfgang Thaler) oder in den Fahrerlagern der Tour de France (Höllentour; 2003; Regie: Pepe Danquart) – stets offenbart uns diese Kamera, die kein Risiko scheut, neue Reiche der Sichtbarkeit.

Workingman’s Death zeigt in zugleich grandiosen und erschreckenden Bildern, dass die menschenverzehrende Handarbeit im “postindustriellen Zeitalter” keineswegs verschwunden ist. Sie hat sich nur in die ärmsten Länder und in die verborgenen Regionen verlagert. Wolfgang Thalers Kamera spürt die neue Sklaverei und Ausbeutung schonungslos auf, entdeckt aber auch eine ganz eigene Poesie und erzwingt gerade damit unsere Aufmerksamkeit, unser Nachdenken.

Auf etwas ganz Elementares, auf ein Sehen und Entdecken sind diese oft atemberaubenden Bilder aus. Wir bestaunen die Phantastik und die Schönheit des Realen, werden in diese Bilderwelt suggestiv hineingezogen. Es sind immer bewusst gestaltete Kinobilder. Wolfgang Thaler legt großen Wert auf höchstes kinematographisches Niveau, auf technische Brillanz, auf sorgfältige Lichtsetzung und auf eine reflektierte Komposition. Nicht der Informationscharakter des Bildes ist entscheidend, sondern die ästhetische Qualität, der Reichtum an Differenzierungen und damit an Deutungsmöglichkeiten. Damit geht Wolfgang Thaler auf Distanz zum erklärungssüchtigen Fernsehdokumentarismus und zur Beliebigkeit der Touristenvideos.

Die Formbetonung zeigt sich auf allen Ebenen. Wolfgang Thaler arbeitet mit einer nuancierten Dramaturgie der Farben. Er orientiert sich mit oft streng geometrischen Bildordnungen an der Tradition der klassischen Fotografie der Moderne, macht durch extrem lange Einstellungen Räume und Atmosphäre spürbar. Er versteht es aber auch meisterhaft, die Handkamera fließend und geschmeidig einzusetzen. So artifiziell Wolfgang Thalers Bilder auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, ihnen gelingt es immer wieder, eine besondere Nähe zu den Protagonisten, eine Wärme und Vertrautheit herzustellen.

In der Bildgestaltung von Wolfgang Thaler werden die Grenzen von Dokumentation und Fiktion aufgehoben. Seine Wirklichkeitsbilder stilisiert er kunstvoll, in der Fiktion wiederum erstrebt er eine dokumentarische Unmittelbarkeit. Die provokativen Filme von Ulrich Seidl erhalten nicht zuletzt durch Wolfgang Thalers Bildgestaltung ihre Unverwechselbarkeit.

Hundstage (2001) macht durch konsequente Überstrahlung die Hitze in jener anonymen Wiener Vorstadt fast körperlich spürbar. In Import/Export (2007) erscheint die österreichische Gegenwart in ebenso kalten Bildern wie die tristen Wohnsilos im Osten der Ukraine, aus der die Heldin Olga aufbricht, um im Westen ihr Glück zu machen. Gerade in diesem Film erweist sich Wolfgang Thaler als ein Kameramann, der uns mit seinen schönen und schaurigen Bildern die globalisierte Welt vor Augen führt.






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