Renato Berta: Die Begründung der Jury

Mit Renato Berta wird einer der wichtigsten und produktivsten Kameramänner des europäischen Kinos ausgezeichnet. Seine Filmographie, die über 100 Titel umfasst, zeigt eine enorme Spannweite. Sie reicht vom strengen und konsequenten Avantgardismus des Regie-Ehepaares Danièle Huillet/Jean-Marie Straub, mit dem Renato Berta seit 1970 kontinuierlich zusammen gearbeitet hat, über so erfolgreiche und publikumswirksame Filme wie AUF WIEDERSEHEN KINDER (Regie: Louis Malle; 1987) bis hin zur in den 1990er Jahren einsetzenden Kooperation mit dem israelischen Regisseur Amos Gitai, der mit explizit politischen Themen und mit einem beinahe dokumentarischen Gestus die höchst widersprüchlichen Alltagswelten des Nahen Ostens in den Blick nimmt.

Renato Berta, 1945 in Bellinzona geboren und im Tessin aufgewachsen, begreift die Vielsprachigkeit der Schweiz von Anfang an als Chance, sich zwischen den Kulturen und Traditionen zu bewegen. Als eine Übersetzungsleistung, als ein beständiges Dolmetschen zwischen den verschiedenen Idiomen der Bildsprachen hat er selbst seine Arbeit als Chefkameramann bezeichnet, die im Jahre 1967 beginnt und sich in einer einzigartigen Kontinuität bis heute fortsetzt. Renato Berta gehört zu jener Generation von Kameraleuten, die an das Reformkino der 1950er und 1960er Jahre anschlossen und aus diesen Impulsen heraus ihre ganz eigene Bildästhetik entwickelten. Am „Centro Sperimentale di Cinematografia“ in Rom erfuhr er von 1965 bis 1967 eine gründliche technische Ausbildung zum Chefkameramann. In Rom begegnete er den großen Regisseuren des italienischen Kinos wie Rossellini, Visconti und Pasolini, er wurde tief geprägt durch die Aufbruchsstimmung dieser Jahre, durch die ästhetischen Debatten und Suchbewegungen. So ist es nicht verwunderlich, dass er im „Neuen Schweizer Kino“, das sich in den 1970er Jahren konstituierte und in ganz Europa starke Beachtung fand, eine zentrale Rolle spielt. Für einen Kameramann höchst ungewöhnlich, wird er zu einer Stifter- und Gründerfigur dieser facettenreichen Filmbewegung. Mit seiner technischen Perfektion und seiner experimentellen Offenheit verhalf Renato Berta allen wichtigen Regisseuren des Neuen Schweizer Films (Alain Tanner, Claude Goretta, Michel Soutter, Thomas Koerfer, Daniel Schmid) zum Durchbruch.

Schon in diesen frühen Jahren treten die Grundprinzipien und das scharf profilierte Selbstverständnis Renato Bertas klar hervor. Einen spezifischen „Stil“ und eine „Signatur“ seiner Bilder lehnt er entschieden ab. Er ordnet sich der Vision des Regisseurs unter: „Nicht ich mache das Bild, sondern der Regisseur“, erklärt er in einem Interview. Gleichzeitig verlangt er aber selbstbewußt von der Regie eine Kooperation auf Augenhöhe. Er möchte von Anfang an einbezogen werden in die Entwicklung des Stoffs, des Drehbuchs und bietet dem Regisseur seinerseits ein gemeinsames dialogisches Erarbeiten des Bildes, der visuellen Kontinuität und des Lichts an. Er will kein Kameramann sein, der sich in den Vordergrund drängt und mit seiner Bildgestaltung Exklusivität beansprucht.

Alle wichtigen Regisseure der Nouvelle Vague haben seit den 1980er die Kooperation mit Renato Berta gesucht. Mit Alexandre Astruc, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Louis Malle, Alain Resnais, Eric Rohmer, Claude Chabrol hat er zusammengearbeitet, aber auch mit jüngeren herausragenden Regisseuren wie André Téchiné, Patrice Chéreau und Claude Berri. Sie alle schätzen an Renato Bertas Arbeit die Suche nach den neuen, nach den unverbrauchten Bildern, die sich den scheinbar allgegenwärtigen Klischees der Werbung und des Lifestyles entziehen. Seit 1996 vertraut der portugiesische „Altmeister“ Manoel de Oliveira Renato Berta seine Filme an.

Renato Berta bevorzugt die einfachen, die klaren und transparenten Formen. Spektakuläre Kameraeffekte vermeidet er. Seine Bildarbeit ist stets eine sehr grundsätzliche Reflexion über das Kino — auch in diesem Sinne bewahrt und aktualisiert er das Erbe der Nouvelle Vague. Kein anderer Kameramann widmet dem Vorgang des Kadrierens eine so intensive Aufmerksamkeit. Dass die Kamera ein Instrument des Sehens und des Zeigens ist, dass der Bildrahmen nicht nur einen Ausschnitt darstellt, sondern eine eigene Welt, eine neue, eine innere Geographie eröffnet, dies erfährt der Zuschauer in den von Renato Berta fotografierten Filmen immer wieder auf neue und eindringliche Weise.







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