Eduardo Serra: Die Begründung der Jury

Mit Eduardo Serra wird einer der herausragenden Lichtkünstler des europäischen Films der Gegenwart ausgezeichnet. Die Arbeit mit dem Licht steht im Zentrum seiner Bildkreationen. Er ist ein intimer Kenner der Lichtinszenierungen, mit denen die europäische Malerei des 16. und des 17. Jahrhunderts den Raum und den menschlichen Körper in ganz neuer Weise ausleuchtete. An diese Entdeckungen des Lichts durch die alten niederländischen Meister, an Maler wie Jan Vermeer, Rembrandt oder Dürer knüpft Serra immer wieder an, ohne in eine starre und ehrfürchtig-akademische „Malerei mit Licht“ zu verfallen. Er erweckt diese Lichtbilder in seinen Filmen zu neuem Leben, indem er Nuancen und Differenzierungen hinzufügt, die sich nie verselbständigen, sondern immer ein höchst sinnliches Ausdruckselement der Geschichte und der Figuren darstellen. Eine bloß pittoreske Tableauhaftigkeit vermeidet Serra durch fließende und geschmeidige Kamerabewegungen, durch sein ausgeprägtes Gespür für den Rhythmus der Bilder. Seine Lichtführung engt die Schauspieler nicht ein, sondern eröffnet ihnen neue, ungeahnte Aktionsräume.

Wie eine Summe seiner Lichtkünste und seiner Jahrzehnte umfassenden Reflexion über das Licht nimmt sich der Film GIRL WITH A PEARL EARING (DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING) aus dem Jahre 2003 aus. Dieser von der Kritik wie auch vom Publikum gefeierte Film unterscheidet genau zwischen drei unterschiedlichen Lichtwelten, mit denen er stilsicher die Alltagsrealität des Malers Jan Vermeer und der Magd Griet charakterisiert, deren eigentliche Rolle aber darin besteht, Modell und Muse des vereinsamten Künstlers zu sein. GIRL WITH A PEARL EARING ist vor allem eine Hommage an den Lichtmaler Vermeer, der das Licht, seine Ausbreitung im Raum, seine allmählichen Übergänge in den Halbschatten und in die Dunkelheit auf das Genaueste studiert hat. Dem Film gelingt es, diese Erkundungen des Lichts präzise und zugleich suggestiv zu zeigen und damit die Eigentlichkeit der Kunst Vermeers erlebbar zu machen.

Eine zweite, ebenso bedeutsame Inspirationsquelle Eduardo Serras sind die Lichtexperimente großer Fotografen. Jedem seiner Filme geht eine ausgedehnte Expedition in das Universum der fotografischen Bilder voraus, in dem er sich auskennt wie kein zweiter Kameramann der Gegenwart. Seine Bildgestaltung ist aber kein selbstgefälliges Spiel mit Bildzitaten und Bildverweisen. Das unumstößliche Grundprinzip seiner Arbeit ist das Bekenntnis zum natürlichen Licht, dessen Logik er stets respektiert, dessen Grenzen er aber durch die Verwendung ungewöhnlicher Lichtquellen erweitert, so dass ganz eigene, phantastische Lichtwelten entstehen – mit Farben und Stimmungen, wie sie bislang im Kino noch nicht zu sehen waren.

Eduardo Serras umfangreiche Filmographie, die bis in das Jahr 1976 zurückreicht, ist sehr vielgestaltig. Er hat in sehr unterschiedlichen Kinematographien gearbeitet und reichhaltige Erfahrungen sammeln können. Er ist einer der wichtigsten Kameraleute des europäischen Autorenfilms, hat besonders intensiv mit dem Regisseur Patrice Leconte zusammengearbeitet und ist seit einigen Jahren der bevorzugte Kameramann von Claude Chabrol. Er hat aber auch in aufwendigen historischen Filmen mitgewirkt, die in England entstanden sind: JUDE; Regie: Michael Winterbottom. THE WINGS OF THE DOVE; Regie: Iain Softley. Er fungierte als Director of Photography in aufwändigen amerikanischen Studioproduktionen wie WHAT DREAMS MAY COMES (HINTER DEM HORIZONT); Regie: Vincent Ward und UNBREAKABLE (UNZERBRECHLICH); Regie: M. Night Shyamalan). Bei aller Universalität seiner Bildgestaltung bleibt Eduardo Serra aber stets seinen Lichtkünsten treu, bewahrt sich seinen ausgeprägten Blick für die Nuancen und Brechungen. Seine Bilderwelten ziehen das Publikum immer wieder aufs Neue in den Bann, bedeuten für die Zuschauer eine unvergleichliche Bilderfahrung.





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