Judith Kaufmann: Die Begründung der Jury

Mit Judith Kaufmann wird eine Kamerafrau mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet, die in den letzten Jahren eine sehr markante und konsequente Bildlichkeit entwickelt hat. In Kooperation mit jungen Regisseurinnen und Regisseuren (Vanessa Jopp, Angelina Maccarone, Lars Büchel, Chris Kraus, Züli Aladag) erzählt sie bewegende Geschichten von Gestrandeten, Gefährdeten und Ausgestoßenen. Die Protagonisten dieser stark beachteten Filme sind meist Jugendliche, die mit einer geradezu verzweifelten Energie ihren Platz in der Gesellschaft suchen, jedoch immer wieder abgewiesen werden oder junge Erwachsene, die scheinbar im Leben angekommen sind, aber unversehens in eine tiefe Krise geraten. Diese Filme versinken jedoch keineswegs in Tristesse und Depression, denn zu bezwingend sind Kraft und Lebensbegehren ihrer Hauptfiguren. Immer wieder gibt es Momente des geglückten Lebens, des zärtlichen Verstehens, Augenblicke der Hoffnung, die über die Enge der Geschichten hinausweisen. Für dieses jüngste deutsche Kino einer neuen sozialen Sensibilität, einer gesteigerten Aufmerksamkeit für die Ränder der Gesellschaft findet Judith Kaufmann beeindruckende Bilder. Von einem neuen poetischen Realismus, den ihre Kameraarbeit wesentlich ausprägt, könnte man sprechen.

Judith Kaufmann verzichtet dabei ganz auf eine nüchterne Registratur und auf einen distanzierten Blick. Ihre Kamera ist immer in einer sympathisierenden und bedingungslosen Nähe zu den Figuren, öffnet sich damit unmittelbar deren Wahrnehmung und Welterleben. Vor allem in ihren Arbeiten der letzten Jahre wird der Bildraum zur entscheidenden Reflexionsebene. In Scherbentanz (2001) bleibt der Kamerablick gänzlich gebunden an das Bewußtsein der Figuren, an ein Leben am Rande des Abgrunds, an die lebensbedrohliche Krankheit, an die Psychose und an die traumatisierende Erinnerung. Engel und Joe (2000) bringt mit hektischen Kamerabewegungen, mit unscharfen, sich auflösenden Bildern und mit einem jagenden Erzählrhythmus die zerstörerische Ruhelosigkeit des Drogenrauschs zum Ausdruck.

Mit einer selbstverständlichen Souveränität nutzt Judith Kaufmann alle Parameter der Bildgestaltung als Instrumente des Erzählens. Mit stark ausgebleichten Farben verschärft sie die Bildkontraste und verleiht den Figuren eine suggestive Präsenz – besonders eindrucksvoll in Elefantenherz (2001). Ihre Lichtgestaltung ist hochdifferenziert und macht mit subtilen Abstufungen die Räume als Bewußtseinsebene der Figuren kenntlich. Oft inszeniert sie die Montage in ihren Bildern und betont mit raffinierten Übergängen das komplexe Erzählgeflecht jener Geschichten, die um die Bedrohten und Gefährdeten kreisen. Ihre einfallsreiche Formgebung bereichert nicht nur das Gegenwartskino, auch in Fernsehfilmen gelingt es ihr immer wieder, ihre herausragende Bildgestaltung zur Geltung zu bringen – zuletzt in der zu Recht hochgelobten Bella Block – Folge Die Frau des Teppichlegers.

Auffallend häufig arbeitet Judith Kaufmann mit Regiedebütanten zusammen. Sie schätzt das Offene und noch nicht Festgelegte und tut alles, um den Bildklischees und den bequemen Lösungen zu entgehen. Es spricht für die Konsequenz ihrer Kameraarbeit, dass aus den gemeinsamen Anfängen stabile und dauerhafte Kooperationen entstanden sind. Mit der Auszeichnung für Judith Kaufmann würdigt der Marburger Kamerapreis zugleich auch die Leistung der Kamerafrauen, die in diesem bislang noch stark von Männern dominierten Beruf eine immer bedeutendere Rolle spielen.





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