Walter Lassally: Die Begründung der Jury

Mit der Verleihung des Marburger Kamerapreises 2005 ehrt die Jury das Lebenswerk eines international herausragenden und weltweit anerkannten Kameramanns. Für die Schwarz/Weiß-Fotografie des Films Zorba the Greek (deutscher Verleihtitel: Alexis Sorbas ) wurde Walter Lassally 1964 mit dem Oscar ausgezeichnet. Der Film ist längst zu einem Mythos geworden. Jeder Kinogänger kennt Alexis Sorbas , erinnert sich an die schier unerschöpfliche, aber auch komisch-wirklichkeitsfremde und anrührende Lebensenergie der Hauptfigur, die von Anthony Quinn mitreißend verkörpert wurde. Untrennbar ist dieser Film mit der Musik von Mikis Theodorakis verbunden, und der Tanz des Alexis Sorbas ist gewiß einer der meistgespielten Musiktitel aller Zeiten. Jeder hat ihn im Ohr und kann ihn nachsingen, aber kaum jemand macht sich bewußt, daß die Bilder der vitalen Lebensfreude aber auch der Gewalt, der Zerstörung und der Tragik die dem Film einen so außerordentlichen Erfolg bescherten, von dem Kameramann Walter Lassally gestaltet wurden.

Schon vor dieser Auszeichnung war Walter Lassally einer der wichtigsten Kameramänner des englischen Kinos. 1926 in Berlin geboren und 1939 mit seiner Familie aus Deutschland vertrieben, arbeitete sich Walter Lassally mit zäher Energie in den 1950er Jahren in England zum Chefkameramann hoch. Das war damals besonders mühsam, da es noch keine geregelten Ausbildungsgänge und erst recht keine Filmschulen gab.

Entscheidend für seine Konzeption des filmischen Bildes waren seine Anfänge als Kameramann im Industrie- und Dokumentarfilm. Zusammen mit dem Regisseur Lindsay Anderson drehte er aufsehenerregende Dokumentarfilme wie Thursday’s Children (1953), in dem taubstumme Kinder porträtiert wurden und Every Day Except Christmas (1956), der die harte Nachtarbeit in dem Londoner Großmarkt Covent Garden zeigte. Das intensive Sich-Einlassen auf Menschen und Schauplätze, das Walter Lassally hier erproben konnte, prägt dann auch seine ersten Arbeiten im Spielfilm, die man mit Fug und Recht als “semidokumentarisch” bezeichnen könnte. Walter Lassally gehört zu den Schlüsselfiguren des “Free Cinema”, einer Bewegung, die um 1960 das englische Kino revolutionierte und auf ganz Europa ausstrahlte. Junge Regisseure wie Lindsay Anderson und Tony Richardson wollten aus der Sterilität der Studioproduktionen und ihrem theaterhaften Gestus ausbrechen, suchten nach einem neuen und unmittelbaren Ausdruck, der auf die “Originalschauplätze”, auf die soziale Wirklichkeit ausgerichtet war. Walter Lassally war ebenso tief von diesen Impulsen durchdrungen, und seine dokumentarischen Erfahrungen prädestinierten ihn dazu, die Bildlichkeit dieses “neuen Realismus” zu gestalten. Walter Lassally wird zum maßgeblichen Kameramann des “Free Cinema”, dreht die herausragenden Filme dieser Reformbewegung: A Taste of Honey ( Bitterer Honig ; 1961) und The Loneliness of the Long Distance Runner ( Die Einsamkeit des Langstreckenläufers ; 1962). Mit unterschiedlichem Filmmaterial innerhalb eines Films erreicht er bis in die subtilen Grautöne hinein eine äußerste Differenzierung der Milieuzeichnung, erfaßt und durchdringt die Oberfläche der Realität und bringt die Schauplätze zum Sprechen. Seine Kamera kadriert die Schauspieler auf ganz neue und ungewohnte Weise, stellt mit überraschenden Perspektiven eine Nähe her, die zugleich verstört. Intensiv setzt er die Handkamera ein, die die Vitalität und Lebensenergie der Protagonisten in die Bilder überträgt und so die neugewonnene Ausdrucksfreiheit versinnlicht. Walter Lassallys schier unbändige Lust an der oft durch die Musik inspirierten Bewegung ist in diesen Filmen noch heute zu spüren. Schon in diesen frühen Meisterwerken des filmischen Realismus zeigt sich Walter Lassally als Virtuose des Lichts. Dabei bevorzugt er das natürliche, das vorgefundene Licht, beläßt ganz oft die Dunkelheit und die Dämmerung ohne sie mit spektakulären Lichteffekten aufzuhellen. Lange vor Stanley Kubrick experimentiert er in A Taste of Honey mit dem Kerzenlicht.

Walter Lassally ist aber nicht nur der bestimmende Kameramann der “kleinen”, revolutionären Filme des “Free Cinema”. In seiner Kooperation mit James Ivory (vor allem Heat and Dust; 1982 und The Bostonians ; 1983) hat er bewiesen, daß er ebenso “großes Kino” mit bewegenden Bildern machen kann. Mit einer außerordentlichen Stilsicherheit beschwört er hier vergangene Welten, ohne in einen sterilen Historismus zu verfallen.

Walter Lassally hat sich selbst in seiner 1987 erschienenen Autobiographie als itinerant Cameraman bezeichnet, sieht sich selbst als Kameramann, der immer auf Reisen ist, der unablässig nach dem Neuen und dem Unbekannten forscht. Nichts kann sein Werk besser kennzeichnen. Von seiner Neugier, seinen Entdeckungen, von der bezwingenden Bildlichkeit seines sozialen Realismus profitieren Regisseure wie Mike Leigh oder Ken Loach bis heute.

Mit Walter Lassally würdigt der Marburger Kamerapreis 2005 einen der bedeutendsten Kameramänner des europäischen Kinos.





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