Robby Müller: Die Begründung der Jury

Mit dem Marburger Kamerapreis für Robby Müller ehren wir einen Kameramann, dessen Bildsprache in besonderer Weise mit der Avantgarde des zeitgenössischen Films verbunden ist. Während er in seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Wim Wenders, von den Neuentwicklungen des italienischen und französischen Kinos beeinflusst, ein bedeutendes Kapitel des jungen deutschen Films schrieb, entwickelte er zwei Eigenschaften, die sein Werk in besonderer Weise auszeichnen: die Neugierde auf das, was jenseits der Professionalität des Berufes in der Sprache des Kinos zu entdecken ist, und das Vertrauen in die gemeinsam getragene Arbeit an einem Film als ideeller Kraft für die Utopie eines Einzelnen, eines Regisseurs. Ein Ziel zu setzen und die Verantwortung dafür zu teilen, ohne in die Maxime der Perfektion zu verfallen, sich dem Oberflächenglanz der Bilder zu beugen oder „die eigene Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen – und damit die Geschichte mit schönen Bildern zu zerstören“ (zitiert nach: Ettedgui, Peter: Filmkünste Kamera, Reinbek 2000, S.103 ff.) sind essentielle Momente seiner Kameraarbeit. Jenseits aller akademischen Fragestellungen zur Cadrage entwickelte er in Down by Law (1986) für Jim Jarmusch Bildkompositionen von bestechender Konsequenz, in Barfly (Barbet Schroeder, 1987) ein kompromissloses Licht abseits aller klassischen Lichtführung und in Breaking the Waves (1996) für Lars von Trier Visionen einer nach den Ursprüngen des Bildes greifenden Kameraführung – alles Arbeiten, die experimentellen Filmideen zum Durch¬bruch verhalfen und zukünftige Filme in ihrer visuellen Kraft bestimmen werden. Die besondere Qualität seiner Arbeit liegt jedoch darin, der Statik des auskomponierten Bildes die Unbeirrbarkeit des naiven Blicks entgegenzusetzen, den Schönheitswillen der Fotografie durch den schwierigen Weg zur Einfachheit zu überwinden und die Fremdheit des Blicks zu dessen erster Aufgabe in der Annäherung an das fotografierte Objekt zu machen. Vom Stilprinzip befreit ereignen sich so für den Betrachter Momente tiefer, in der Unmittelbarkeit seiner Fotografie begründeter Berührtheit.
Neue technologische Entwicklungen bei Licht und Kamera sind für Robby Müller ein wichtiger Rückhalt bei der Erforschung neuer Wege in der Bildgestaltung, aber umgekehrt verlangt er den neu definierten Möglichkeiten der digitalen Kamera (Dancer in the Dark, 2000; My brother Tom, 2001) unnachgiebig die künstlerischen Qualitäten ab, die sie für die Ästhetik des projizierten Bildes erst verwendbar macht – auch dies ein wichtiger Teil seiner Bedeutung für die gegenwärtige Filmfotografie. Er selber beschreibt sie als ein aufgeklärtes Konzept der Kamera: „Wenn ich mich für einen Film entscheide, sind meine Gefühle das Wichtigste. Ich versuche, mit Regisseuren zu arbeiten, die ihr Publikum berühren wollen und die Menschen noch über den Film diskutieren lassen, wenn sie das Kino längst verlassen haben. …Ich ziehe es vor, dem Zuschauer die Freiheit zu lassen, selbst etwas zu entdecken, statt ihn mit den Augen darauf zu stoßen“ (zitiert nach: Ettedgui, Peter: Filmkünste Kamera, S.103 ff.).






< zurück