Supermarkt
von Susan Elaine Gildersleeve
„Neue Jacke, neues Glück“, könnte Willis Motto lauten, denn mit jeder neuen Begegnung wird Willi eines neuen Kleidungsstückes habhaft. Sei es ein abgetragener Mantel des ambitionierten Journalisten Frank, der in Willi nur eine gelungene Story und damit das Licht am Ende des Tunnels seiner Midlife Crisis sieht, das Jackett des Kleinkriminellen Theo, für den Willi der formbare Komplize seiner zwielichtigen Machenschaften ist oder auch der elegante Anzug, der wie ein Staffelstab den Träger mit jedem neuen Abenteuer des homosexuellen Großbürgers wechselt. Fast schon gleichgültig nimmt Willi die milden Gaben an, die aus ihm eben jene Ergänzung zum eigenen Lebensentwurf machen, die dem Journalisten, Kriminellen oder Homosexuellen gerade gefehlt haben. Ganz einfinden kann Willi sich nicht in die neuen Rollen – wie die Jacken sind auch sie ihm offensichtlich nicht auf den Leib geschneidert und so entschlüpft er seinen ausbeuterischen Nutznießern ein ums andere Mal.
Ein dokumentarischer Wind weht durch diesen Film, nicht zuletzt dadurch erzeugt, dass durch den rein beobachtenden Gestus alle Fragen offen bleiben: Was macht Willi zu einem Randständigen der Gesellschaft und warum schlägt er die für ihn geöffnete Tür zur Bürgerlichkeit immer wieder schallend zu? Roland Klick – laut Selbstaussage süchtig nach Ehrlichkeit – sagt dazu: „Filmemachen hat immer auch etwas mit Ausbeutung zu tun. Du bist als Regisseur nie wirklich drin, du bist sozusagen der, der das benutzt für sich. Wenn wir Kino machen, wo wir andere Schicksale nehmen, müssen wir dieses Kino aber denen, denen wir es genommen haben, wiedergeben. Wir dürfen die Filme nicht wie Alexander Kluge machen, für die feinen Leute im Elfenbeinturm, sondern wenn wir schon Filme machen über eine bestimmte Szene, der wir nicht angehören, dann müssen wir die Filme so machen, dass sie dieser Szene auch wieder gehören.“ Und so verwundert es nicht, dass die Figur Willi das filmische Faksimile eines Streuners ist, den Klick einst bei sich aufnahm.
Das Bedürfnis, Wahrheit zu zeigen oder zumindest nachzuzeichnen, setzt sich schließlich auch in den Bildern fort. Hier hält Hamburg sein zwischen Fratze und Antlitz changierendes ungeschöntes Gesicht in die Kamera. Erfrischend wirken diese Bilder besonders durch die Abwesenheit jedweder Sozialromantik, die den Schmutz noch immer zu verklären vermag. Supermarkt meidet solche Inszenierungen und lässt den Zuschauer eintauchen in eine Vergangenheit, in der der flüchtige Willi des Nachts den Kiez von St. Pauli entlang rennt und sich in der Dunkelheit kaum vor dem Hintergrund abzeichnet. Überhaupt ist es ziemlich zwielichtig – um nicht zu sagen stockfinster – in den Ecken Hamburgs, in denen die von einer platinblonden Perücke bekrönte Nutte betrunken umher wankt, während von Tränen aufgeweichte Schminke mattschwarze Rinnsale auf ihren aufgedunsenen Wangen zieht. Die Neonlichter der, nennen wir sie mal Etablissements, versuchen dabei allein durch ihre schillernden Farben Licht in das Dunkel einer Nacht zu bringen, die die seltsamen Gestalten so zahlreich lockt. Das Ergebnis dieser quasi-Milieustudie ist ein kleiner, schmutziger Film, für den Jost Vacano den visuellen Stil geliefert hat. Ganz Beobachter folgt Vacanos Kamera Willis Wegen durch das Gewühl der niemals still stehenden Großstadt. Dabei schaut sie sich ihren Protagonisten zwar von allen Seiten an und scheut sich auch nicht, dem sprintenden Willi dicht auf den Fersen zu bleiben, wahrt dabei aber immer eine gewisse Distanz. Die Erbarmungslosigkeit eines Lebens zu zeigen, das zwar mitten in der Großstadt, aber dennoch an der Peripherie der Gesellschaft gelebt wird, bedarf keiner ausbeuterischen oder gar psychologisierenden Bildhaftigkeit, wohl aber einer Kamera, die mit Schnelligkeit und einem ausgeprägten Gespür für den Lebensrhythmus ihrer Motive gesegnet ist.
Supermarkt, BRD 1974. 35mm. Regie: Roland Klick, Buch: Georg Althammer, Roland Klick, Jane Sperr, Bildgestaltung: Jost Vacano, Kameraassistent: Peter Arnold, Ton: Christian Dalchow, Werner Gieseler, Thomas Kukuck, Gerard Rueff, Musik: Peter Hesslein, Udo Lindenberg, Marius Müller‑Westernhagen, Schnitt: Jane Sperr, Produktion: Independent Film, Klick Film, Roland Klick Production. Darsteller: Charly Wierczejewski, Eva Mattes, Michael Degen, Walter Kohut.