Mord in Frankfurt

von Sarah Dinkel

Frankfurt, im Sommer 1967: Ein Serienmörder, der es auf Taxifahrer abgesehen hat, versetzt die Main-Metropole in Angst und Schrecken. Der Titel und der Beginn des WDR-Fernsehspiels aus dem Jahre 1968 suggerieren dem Zuschauer zunächst, dass nun ein relativ konventioneller, wenn auch stark regional geprägter Krimi seinen Lauf nehmen wird. Doch mit Einführung des zweiten Handlungsstrangs, der einen in Frankfurt stattfindenden Folgeprozess der Auschwitz-Prozesse thematisiert, wird deutlich, dass Mord in Frankfurt mehr als ein gewöhnlicher Krimi ist. Die Gemeinsamkeit dieser zwei zunächst nichts miteinander gemein zu haben scheinenden Handlungsstränge besteht in der öffentlichen Debatte über die Ermordung Unschuldiger. Während die Morde an einigen Taxifahrern bereits den Ruf nach Wiedereinführung der Todesstrafe laut werden lässt, scheint der Mord an Millionen von Menschen während des Dritten Reiches dreiundzwanzig Jahre nach dessen Ende die Öffentlichkeit nicht mehr zu tangieren. „Am elften Tag des neuen Prozesses um die Schandtaten, die sich mit dem deutschen Namen verbinden, erstaunt mich immer wieder, wie wenig die Öffentlichkeit Anteil nimmt an diesen Bemühungen der Justiz. So, als sei alle Aufmerksamkeit vor Jahren durch den großen Auschwitz-Prozess erschöpft worden. Stattdessen erregt sich die Bevölkerung über einen neuen Taximord.“, heißt es demgemäß in einem kritischen Radiokommentar, der aus dem Autoradio eines der Taxis zu vernehmen ist.
Mord in Frankfurt gewährt dem Betrachter erstaunliche Einblicke in das deutsche Seelenleben zwei Jahrzehnte nach Ende des Dritten Reichs. Während die einen, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten deutschen Geschichte, im demokratischen Rechtsstaat die einzig praktikable Staatsform sehen, erklären ihn andere für gescheitert. Das Gros der Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, die zum damaligen Zeitpunkt einen Großteil der Bevölkerung ausmachen, tritt die Flucht nach vorn an oder resigniert – eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit allerdings wird nach Möglichkeit vermieden. Denn dies würde bedeuten, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen.
In Mord in Frankfurt scheint das Medium Theater an seinem selbst gestellten Auftrag, dem kollektiven Vergessen und Verdrängen entgegenzuwirken und die Reflexion über die Ereignisse während des Nationalsozialismus anzuregen, zu scheitern. Dem Fernsehspiel wurde dies von seinen Machern eher zugetraut, da es den belehrenden Gestus meidet, der dem Theater anhaftet, und gleichzeitig auf eine zu plakative Stellungnahme verzichtet. Vielmehr stellt Mord in Frankfurt ein Panorama unterschiedlicher Perspektiven einander gegenüber und ermöglicht es dem Zuschauer darüber hinaus, sich in privater Zurückgezogenheit mit solch sensiblen Themen auseinanderzusetzen.
Mord in Frankfurt ist das erste von insgesamt drei Fernsehspielen, die Jost Vacano unter der Regie von Rolf Hädrich fotografierte (Mord in Frankfurt, Alma Mater, 1969; Kennen sie Georg Linke?, 1971). Vacano gelingt es in seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, ein äußerst lebendiges Zeitbild vom Frankfurt der späten 1960er Jahre zu zeichnen. Seine Kamera registriert genau den architektonischen Wandel Frankfurts und bewegt sich ganz selbstverständlich in den Lebensräumen und Arbeitswelten unterschiedlichster Bevölkerungsgruppen, so dass man beinahe von Milieustudien sprechen könnte. In Mord in Frankfurt dominiert die Handkamera die Bildgestaltung, die einerseits die Nähe zu den Akteuren und andererseits eine damit verbundene Dynamik gewährleistet. Die wohl eindringlichste Szene des gesamten Films ist jene, in der der polnische Zeuge vor Gericht aussagt, und dies vor allem aufgrund der visuellen Umsetzung. Vacano entschied sich hier für eine lange Einstellung mit einer mehrfach um den Zeugen kreisenden Kamerabewegung, die dessen emotionalen Ausnahmezustand, sein Verlorensein, als dieser vor Gericht vom Zeugen zum Angeklagten degradiert wird, für den Zuschauer geradezu spürbar macht. Diese erste große Kreisfahrt Vacanos war zur damaligen Zeit mehr als ungewöhnlich, insbesondere für eine Fernsehproduktion, und trug wahrscheinlich nicht unwesentlich zur Entscheidung der Jury des Prager Filmfestivals im Jahr 1968 bei, Vacano für Mord in Frankfurt mit dem Preis für die beste Kamera auszuzeichnen.

Mord in Frankfurt. BRD 1968. 35mm s/w. Fernsehfilm. Buch und Regie: Rolf Hädrich, Regieassistenz: Renate Vacano, Bildgestaltung: Jost Vacano, Musik: Peter Thomas (als Carl Thomas), Produzenten: Günter Rohrbach, Harry Schneider, Produktion: Westdeutscher Rundfunk. Darsteller: Václav Voska, Joachim Ansorge, Christiane Schröder, Dirk Dautzenberg.