Lieb Vaterland magst ruhig sein

von Martin G. Günkel

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein…“ – das ist nicht nur eine Zeile aus dem Lied Die Wacht am Rhein, sondern auch der Titel eines Romans von Johannes Mario Simmel, den der Drehbuchautor und Regisseur Roland Klick mit Jost Vacano an der Kamera verfilmte. Ruhig ist es gerade nicht, das „Vaterland“, um das es hier geht: das geteilte Deutschland.
Der Film spielt hauptsächlich im Jahr 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau. In der DDR wird der Ganove Bruno verhaftet, aber wenig später aus dem Gefängnis geholt. Er soll den Fluchthelfer Fanzelau aus der Bundesrepublik in den SED-Staat entführen. Bruno willigt ein, da er sein Leben mit seiner Geliebten Mietzi verbringen möchte, statt im Gefängnis. Im Westen angekommen, beschließt er, die Seite zu wechseln – zum einen, weil er die BRD für den besseren Staat hält, zum anderen, weil ihm die dortige Polizei Straffreiheit verspricht, wenn er ihr hilft. Konkret heißt das: Die Entführung soll zu einer Scheinaktion umgestaltet werden, damit das „Opfer“ den DDRBehörden entgeht. Fanzelau ist indes nicht der große Wohltäter, für den man ihn halten könnte, sondern wird von der Wirtschaft sehr gut dafür bezahlt, dass er qualifizierte Fachkräfte aus der DDR holt. Wie ein solcher Film erwarten lässt, ist Fanzelau nicht der einzige, dem man lieber nicht trauen sollte: Mietzi entpuppt sich als Spionin, die auf Bruno angesetzt wurde…
Äußerlich betrachtet handelt es sich bei Lieb Vaterland magst ruhig sein um einen Spionagefilm, der alle Erwartungen an das Genre erfüllt. Das Publikum bekommt es dabei durchweg mit ambivalenten Figuren zu tun. Eindeutige Gut-Böse-Schemata greifen hier nicht, denn jeder sucht seinen persönlichen Vorteil – auch mit vermeintlichen „Wohltaten“. So lässt sich die Presse nur davon leiten, mit welcher Schlagzeile sie den größten Umsatz machen kann – ohne Rücksicht auf Verluste. Auch der Protagonist verschreibt sich letztlich nicht nur der „guten Sache“ der BRD, sondern vor allem seiner Straffreiheit. Offenbar schenkt er diesbezüglich dem Westen mehr Vertrauen als dem Osten, obwohl ihm letztlich beide Seiten dasselbe Versprechen machen. Tatsächlich kann er weder auf der einen, noch auf der anderen Seite irgendjemandem vertrauen, weil all die Egoisten und Opportunisten sich schnell gegen ihn wenden können. Solche ambivalenten Figuren, zu denen sich das Publikum selbst positionieren muss, sind ein typisches Kennzeichen des Film Noir. Die Kameraarbeit lässt dementsprechend typische Noir-Elemente erkennen. Oft befinden sich die Figuren im Halbdunkel, sind ihre Gesichter nur teilweise erkennbar. Andererseits gibt es, vor allem am Anfang, etliche frontale Großaufnahmen von Gesichtern bei hellem Licht – für einen Genrefilm so eher ungewöhnlich. Hierbei aber sind die Figuren in ihrem Wesen kaum besser erkennbar als im Halbdunkel der Noir-artigen Sequenzen. Denn die undurchdringlichen Blicke, die in diesen Portraits festgehalten sind, geben keinen Blick ins Innere der Charaktere frei.
Insgesamt kennzeichnet den Film eine klare Kamerasprache, die dem Genre im klassischen Sinne angemessen ist. Immer ist die Kamera nah am Geschehen, drängt sich dabei selten in den Vordergrund. Bei der Verfolgungsjagd während der Scheinentführung beispielsweise fängt die Kamera durch ihre Nähe die ganze Rasanz des Gezeigten ein und macht es beinahe physisch erfahrbar. Zugleich aber ist sie nicht so nah am Geschehen, dass das Publikum die Übersicht vollkommen verlieren würde. Das Schnitttempo passt sich der jeweiligen Situation an, ohne je in die Extreme zu gehen.
Jürgen Kniepers an Ennio Morricone erinnernde Musik trägt eine Melancholie in sich, durch die die Einsamkeit eines Menschen unter so vielen Opportunisten zum Ausdruck kommt – und die zudem typisch für einen Genrefilm über einen einsamen Spion ist. Genrekonventionen werden also auf der Ebene des Stils und des Handlungsmusters voll und ganz bedient. Zugleich stellt der Film entschieden politische Fragen. Die Selbstdarstellung der Bundesrepublik als Rechtsstaat mit funktionierender Wirtschaft, in dem die Menschen frei leben können, hält angesichts des allgemeinen Egoismus nicht stand. Hier kann man ebenso wenig den Menschen über den Weg trauen wie in der DDR. In beiden Staaten wird der Egoismus mit genau denselben Mechanismen wirksam. Solche Probleme werden in Lieb Vaterland magst ruhig sein mit den Mitteln des Genrefilms äußerst eindringlich veranschaulicht.

Lieb Vaterland magst ruhig sein, BRD 1976, 35mm. Regie: Roland Klick, Buch: Roland Klick nach dem Roman von Johannes Mario Simmel, Bildgestaltung: Jost Vacano, Assistent: Peter Arnold, Ton: Helmut Röttgen, Musik: Jürgen Knieper, Schnitt: Sigrun Jäger, Produzenten: Bernd Eichinger, Peter Genée, Produktion: Cotta-Film GmbH & Co., Filmstudio Havelchaussee, Vaterland Produktions KG, Solaris-Film- und Fernsehproduktion Peter Genée, Bernd Eichinger oHG. Darsteller: Heinz Domez, Catherine Allégret, Georg Marischka, Günter Pfitzmann.