Die verlorene Ehre der Katharina Blum

von Anett Müller

„Wer die Zeitung angreift, greift uns alle an.“
Ein Mann wird heimlich verfolgt und entkommt im Trubel des Kölner Karnevals. Auf einer privaten Faschingsparty lernt er eine junge, attraktive, aber auch sensible Frau kennen. Die kurze und scheue Liebesbegegnung währt nur eine Nacht. Am nächsten Tag stürmt ein SEK die Wohnung der Frau: Katharina Blum gerät ins Visier der Polizei und der Medien, weil sie – ahnungslos – eine Nacht mit einem Verbrecher, Ludwig Götten, verbracht hat. Ab diesem Moment wird sie zum ‚Freiwild‘: Man führt sie gewaltsam ab, packt sie an den Haaren und hält ihr Gesicht in die Kameras der Journalisten. Dieses Bild durchzieht metaphorisch den ganzen Film: Katharina Blums gesamtes Leben wird von nun an von dem großen Boulevardblatt ZEITUNG durch den Schmutz gezogen. Als sie dem psychischen und menschlichen Druck aus Demütigungen und offenem Hass nicht mehr standhält, greift sie zur Waffe, um sich den letzten Rest Ehre zu bewahren.
Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verfilmten kurz nach deren Veröffentlichung die gleichnamige Erzählung von Heinrich Böll. Dieser wusste, wovon er sprach. Nachdem er freies Geleit für Ulrike Meinhof forderte, wurde er zur Zielscheibe der Bild-Zeitung, die ihn verhöhnte und denunzierte und ihm eine latente Komplizenschaft zur RAF vorwarf. In enger Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller entwarfen die beiden Regisseure eine Geschichte, die ohne historische Verankerung funktioniert. Der Film erzählt vielmehr von der Möglichkeit der Manipulation des Boulevardjournalismus, in dessen Sog ein (unschuldiger) Mensch gezogen werden kann, der gegenüber einer zur Massenhysterie aufgeheizten öffentlichen Meinung hilflos ist. Angela Winkler spielt Katharina Blum, die verletzlich ist, aber auch gleichzeitig so viel natürliche Würde ausstrahlt. Nach der Lektüre der ZEITUNG muss sie erbrechen; nachdem Lesen von anzüglichen Briefen zertrümmert sie ihre Wohnung. Katharina Blum leidet nicht, lehnt sich vielmehr stumm auf. Ihr Gegenspieler Kommissar Beizmenne, gespielt von Mario Adorf, kann dieser stummen Auflehnung nur mit groben Mitteln entgegentreten. Er ist brutal, droht und flucht ratlos gegen die nonkonforme Aufrichtigkeit der Katharina Blum. Ein weiterer Gegenspieler ist Dieter Laser, der Reporter der ZEITUNG. Er ist ein ‚Macher‘, der weiß, was seine Leser brauchen. Anders als in Bölls Erzählung, der die Geschichte in verschachtelten Rückblenden erzählt, setzten die beiden Regisseure auf einen chronologischen und gerafften Erzählfluss. Als Konsequenz dieser ‚umgestülpten‘ Dramaturgie endet der Film mit einem Insert, das die Vorbemerkung der Böllschen Erzählung wieder aufgreift: „Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht absichtlich. Ähnlichkeiten mit gewissen journalistischen Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich“.
Ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis, fotografierte Jost Vacano Die verlorene Ehre der Katharina Blum in stillen, fast statisch wirkenden Bildern, die an die Kompositionen von Gemälden erinnern. Gezielt setzt Vacano hier die Schärfenverlagerung ein, um Katharina Blum und die Polizisten, die sie unentwegt verfolgen, ohne Schnitt miteinander zu verbinden. Die Überwachung ist in Schlöndorffs und Trottas Film allgegenwärtig und nahezu lückenlos. Der Kamera entgeht nichts und sie ist immer nah am Geschehen. Manchmal so nah, dass es dem Zuschauer die Luft abschnürt. Die Bilder sind überwiegend in Blau und Grün gehalten. Nur als Katharina in ihrer Zelle ein Taschentuch aus ihrer Tasche zieht und es plötzlich Konfetti regnet, die sie an ihre Begegnung mit Ludwig erinnern lassen, entfernt sich die Geschichte kurz von dem Hauptmotiv der Betonbauten, die überwiegend grau und hart sind und auch eine innere Unsicherheit widerspiegeln. Gemäß Jost Vacanos Credo „Der Film entdeckt die Wirklichkeit“ ist der Bezug zum Realismus in Katharina Blum deutlich zu spüren: Der Film hat auch drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nichts von seiner Unmittelbarkeit eingebüßt.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. BRD 1975. 35mm. Buch und Regie: Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta nach der Erzählung von Heinrich Böll. Bildgestaltung: Jost Vacano, Assistent: Peter Arnold, Ton: Willi Schwadorf, Musik: Hans Werner Henze, Schnitt: Peter Przygodda, Produzenten: Willi Benninger, Eberhard Junkersdorf, Gunther Witte, Produktion: Bioskop Film, Paramount-Orion, Westdeutscher Rundfunk. Darsteller: Angela Winkler, Mario Adorf, Jürgen Prochnow.