Die Unendliche Geschichte
von Matthias Michel
Der kleine Träumer Bastian Bux flieht vor ein paar Jungs aus seiner Klasse in ein Antiquariat, wo er auf ein mysteriöses Buch mit dem Titel Die unendliche Geschichte stößt. Er “leiht” es sich aus und schleicht auf den Dachboden seiner Schule, wo er es zu lesen beginnt. Bastian taucht ein in die Geschichte Phantásiens, wo er die Abenteuer von Atréju verfolgt, der auf der großen Suche ist, ein Mittel zu finden, dass seine Welt vor einer unheimlichen und zerstörerischen Macht retten kann: dem Nichts, das nach und nach alles zu vernichten droht. Auf seiner Reise begegnet Atréju phantastischen Gestalten in atemberaubenden Landschaften und erlebt gefährliche und wunderbare Dinge. Schließlich wird Bastian immer mehr Teil der unendlichen Geschichte und scheint der Einzige zu sein, der das phantastische Reich vor dem Untergang bewahren kann.
Der Roman von Michael Ende gehört zu den Klassikern der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. Millionen Menschen haben das Buch gelesen oder es vorgelesen bekommen, jeder Einzelne hat seinen eigenen Glücksdrachen und seinen persönlichen Felsenbeißer imaginiert. Sich an die Verfilmung eines solchen Buches zu wagen, zeugt entweder von rührender Naivität oder aber von immensem Selbstbewusstsein und Mut. Es war klar, dass ein solcher Film in Deutschland eigentlich nicht zu machen war. Es fehlte an Spezialisten, an Erfahrungen und an Geld.
Der junge Münchner Produzent Bernd Eichinger, der bereits Erfolge wie Lieb Vaterland magst ruhig sein (1976) und Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Regie: Uli Edel, 1981) verbuchen konnte, wollte den Film trotzdem drehen und damit den Grundstein für eine international erfolgreiche Filmindustrie in Deutschland legen. Alle deutschen Beteiligten betraten mit dieser Produktion Neuland: Spezialisten für Visuelle Effekte gab es nicht, ein Team um den renommierten Engländer Brian Johnson brachte das notwendige Wissen in die Bavaria-Studios nach München, Eichinger produzierte den bislang teuersten deutschen Film mit internationalem Geld, und Regisseur Wolfgang Petersen drehte seinen ersten Special-Effects-Film.
Für Jost Vacano, der gerade zusammen mit Petersen Das Boot (1981) abgedreht hatte, änderte sich die gesamte Arbeitsweise: Zum ersten Mal führte er den Titel „Director of Photography” (DoP) und war somit für die Bildgestaltung gleich mehrerer Kamerateams verantwortlich. Dadurch war es ihm nicht mehr möglich, wie gewohnt jede Szene selbst zu drehen, vielmehr richtete er eine Einstellung ein, probte und überließ das eigentliche Drehen seinem „Operator” Peter Maiwald. Durch die vielen Spezialeffekte, insbesondere die so genannte Blue-Screen-Technik, war die Beweglichkeit der Kamera stark eingeschränkt. Da später verschiedene Aufnahmen am Tricktisch miteinander kombiniert werden mussten, durfte die Kamera sich oftmals überhaupt nicht bewegen. Für Vacano, der eine körpernahe, dynamische Kamera bevorzugt, stellten diese Zugeständnisse an die Tricktechnik eine große Herausforderung dar, zwar hatte er Kontrolle über die Bilder, musste sich jedoch immer mit Brian Johnson über die technischen Möglichkeiten absprechen. Statt mit der üblichen 35mm-Kamera von ARRI mussten die Bluescreen- Aufnahmen mit außerordentlich großen und schweren Vistavision-Kameras gedreht werden, die keine Überwachung des Bildausschnitts durch einen Sucher zuließen. Es herrschten amerikanische Produktionsverhältnisse, die nur wenig mit den Methoden der heimischen Filmbranche zu tun hatten.
Trotz dieser Schwierigkeiten haben Petersen und Vacano einen Fantasyfilm geschaffen, dessen phantastische Welt bis heute fasziniert. Jost Vacano fotografierte den Film durchgehend aus der Perspektive der beiden kleinen Jungen Bastian und Atréju, blieb also seiner Devise treu, die Kamera als Auge des Zuschauers einzusetzen. Die unendliche Geschichte gehört zusammen mit Das Boot zu den erfolgreichsten deutschen Filmen in den USA und markiert den Eintritt des DoP Jost Vacano in das „System Hollywood”.
Die unendliche Geschichte. BRD/USA 1984. 35mm. Buch und Regie: Wolfgang Petersen, Buch: Herman Weigel nach dem Roman von Michael Ende. Bildgestaltung: Jost Vacano, Kameraassistent/Operator: Peter Maiwald, Ton: Milan Bor, Trevor Pyke, Musik: Klaus Doldinger, Giorgio Moroder (nur amerikanische Fassung), Schnitt: Jane Seitz, Visuelle Effekte: Brian Johnson, Produzenten: Bernd Eichinger, Mark Damon, Dieter Geissler, John Hyde, Klaus Kähler, Günter Rohrbach, Bernd Schaefers, Produktion: Neue Constantin Film, Bavaria Studios, Westdeutscher Rundfunk, Warner Bros. Pictures, Producers Sales Organization. Darsteller: Barret Oliver, Noah Hathaway, Tami Stronach, Tilo Prückner, Patricia Hayes.