Der Soldat von Oranien
von Sarah Dinkel
Die niederländische Universitätsstadt Leiden im Jahre 1938: Der Zuschauer wird Zeuge eines äußerst sadistischen Initiationsrituals einer elitären studentischen Verbindung, wie es durchaus auch heute noch, unter anderem beim Militär, praktiziert wird. Die jungen Männer zeigen sich von diesem brutalen Aufnahmeritual aber wenig beeindruckt und beginnen schnell, freundschaftliche Bande zu knüpfen. Bereits im folgenden Jahr, im September 1939, fallen deutsche Truppen in Polen ein – der Zweite Weltkrieg bricht aus. Der studentische Freundeskreis ist zunächst auch vom Kriegsausbruch völlig unbeeindruckt – Gewalt ist in der europäischen Vorkriegsgesellschaft scheinbar derart präsent, dass sie bei den Betroffenen keinerlei angemessen erscheinende Reaktion mehr auslöst. Das anfängliche bloße Ignorieren des Kriegszustandes weicht allmählich einer pubertär anmutenden Begeisterung für den Krieg, der von den jungen Männern als willkommene Abwechslung zu ihrem eher langweiligen Studentenleben angesehen wird. Während sich Erik, Guus und Robby kurzerhand der Widerstandsbewegung anschließen, um so unter anderem dem Juden Jack zur Flucht zu verhelfen, schließt sich der deutschstämmige Alex zunächst dem niederländischen und schließlich dem deutschen Militär an. Allein Jan weigert sich, Stellung zu beziehen und flüchtet sich stattdessen während der Kriegsunruhen in seine Studien. Nachdem es Erik und Guus gelungen ist, nach England zu fliehen, werden sie von der im Exil lebenden Königin Wilhelmina beauftragt, in die von den Deutschen besetzten Niederlande zurückzukehren.
Der Soldat von Oranien basiert auf dem 1970 veröffentlichten gleichnamigen autobiographischen Roman Erik Hazelhoff Roelfzemas, dem wohl bekanntesten Helden der niederländischen Widerstandsbewegung während des Zweiten Weltkriegs. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit des Regisseurs Paul Verhoeven mit seinem langjährigen Weggefährten Gerard Soeteman sowie mit Kees Holierhoek. Als erstes von insgesamt sieben gemeinsamen Filmprojekten, bei denen Verhoeven und Jost Vacano kooperierten, verhalf es sowohl dem Regisseur als auch dem Kameramann endgültig zu internationaler Anerkennung.
Das äußerst ambitionierte Drehbuch wurde für eine niederländische Produktion der 1970er Jahre erstaunlich aufwändig und technisch avanciert inszeniert. Der Soldat von Oranien war mit einem Budget von etwa zweieinhalb Millionen US-Dollar der bislang teuerste in den Niederlanden produzierte Film. Dieser beträchtliche finanzielle Rahmen ermöglichte es, fast ausschließlich an Originalschauplätzen in den Niederlanden und Großbritannien zu drehen. Eine wesentliche Qualität des Films besteht in der präzisen Rekonstruktion der Atmosphäre in den späten 30er und frühen 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vacano verzichtet überwiegend auf emotionalisierende Großaufnahmen, die ja zum stilistischen Repertoire des Kriegsfilms gehören, um in vergleichweise ruhigen Totalen und Halbtotalen Distanz zum Geschehen zu wahren. Die im Film mit einer gewissen Kühle ausgestellte glanzvolle Oberflächlichkeit des Mythos um die Nationalhelden der niederländischen Résistance-Bewegung findet ihre formale Entsprechung in der brillanten Oberfläche von Vacanos Bildern.
Trotz dieser inszenatorischen Qualitäten gelang es dem Film nicht, das niederländische Publikum zu überzeugen. Die Ursache hierfür liegt, wie anzunehmen ist, weniger auf formaler, als vielmehr auf inhaltlicher Ebene. Der Soldat von Oranien stellt gleich zwei gemeinhin als unantastbar geltende Konstrukte in Frage, auf die sich die niederländische Nachkriegsidentität maßgeblich stützt: die Widerstandsbewegung und das Königshaus. Dass der Film diese wichtigen Themen mit satirischer Überspitzung und komödiantisch-burlesken Effekten behandelt, war ein schockierender Bruch mit streng gewahrten nationalen Tabus.
Der Soldat von Oranien, Belgien/Niederlande 1977, 35mm. Regie: Paul Verhoeven, Buch: Kees Holierhoek, Gerard Soeteman, Paul Verhoeven nach dem Roman von Erik Hazelhoff Roelfzema, Bildgestaltung: Jost Vacano, Kameraassisten: Geert Ghesquiere, Ton: René van den Berg, Musik: Rogier van Otterloo, Schnitt: Jane Sperr, Produzent: Rob Houwer, Produktion: Excelsior Films, Film Holland, The Rank Organisation, Rob Houwer Productions. Darsteller: Rutger Hauer, Jeroen Krabbé, Susan Penhaligon, Edward Fox.