Nacktschnecken

Von Anna Maria Zabinska und Felix Köther

Auf der Jagd nach dem schnellen Geld will die Dealerin Mao, angestiftet durch den profilneurotischen und stets klammen Zuhälter Schorsch, einen Pornofilm drehen. Die männlichen Hauptdarsteller sind schnell gefunden: Johann, der seit Monaten von keiner Frau beglückt wurde und sich auf das anonyme Verfassen phantasievoller erotischer Briefe spezialisiert hat und sein Mitbewohner Max, der dauerhaft von einer Karriere bei der Werbung und beim Film träumt. Martha, die in Maos Schuld steht und Mara, die in einem skurrilen und unterhaltsamen Casting entdeckt wird, werden als weibliche Hauptdarstellerinnen mitgenommen in die ländliche Idylle des Hauses von Maos verreisten Althippie-Eltern. Dort, zwischen Led Zeppelin-Platten und Zierteich, soll das Werk gedreht werden. Doch das „Pudern“ vor der Kamera entpuppt sich schwieriger als gedacht: Man denke zuviel, konstatiert Johann, und Max fordert eine „Urviechpartie“: So wälzt man sich des Nachts nackt und ungehemmt am Teich wie die zuvor fein säuberlich vom Rasen aufgesammelte Nacktschneckenplage. Kurzfristig scheint die Rückkehr in den Urzustand sogar zu gelingen, nur um letztlich doch an allzu menschlichen Eigenschaften wie Eifersucht, Scham und Missgunst zu scheitern. Spätestens hier zeigt der Film hinter seiner Fassade schriller und bunter, oberflächlich banaler Bilder von entblößten Körpern, hinter Klamauk und Porno-Persiflage, sein eigentliches Thema: Das der unerfüllten Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Zuneigung, Liebe und aufrichtiger Sexualität – eben nicht als Selbstzweck oder des Geldes wegen: „Ich wollte beim Schreiben einen pseudo-intellektuellen Dialog erreichen, der einerseits deppert ist, aber andererseits auch stimmt. Das gleiche gilt auch für den Film: Er ist auf der einen Seite ziemlich blöd, aber auf der anderen Seite trifft er die Sachen auf den Punkt.“ (Michael Ostrowski)

Wolfgang Thalers Bildgestaltung oszilliert in Nacktschnecken beständig zwischen der Suche nach plakativen, grellen Bildern der Komik und einfühlsamen Einstellungen, in denen er die Charaktere und deren Bedürfnisse ernst nimmt. Dieser doppelte Blick spiegelt die Diskrepanz von Film und Wirklichkeit, von Pornografie und Liebe, indem er die simple Ästhetik schnell produzierter Pornografie aufgreift und diese, besonders im Kontrast zu den eindringlicheren und intimeren Bildern der Liebesnacht am Teich, als absurd und grotesk entlarvt. Szenen „echter“ sexueller Revolutionen wenden sich entschieden von diesen Bildstrategien ab, beziehen das Phantastische aber mit ein. Ein durch die Wohnung streifender Gepard erscheint dabei näher an unserer Wahrnehmungswirklichkeit als knapp bekleidete Darsteller auf Sportgeräten.

Eingerahmt wird der Film von Maos, Max’ und Johanns Lieblingsspiel, einer etwas eigenwilligen Variante der auf Kindergeburtstagen verbreiteten Form des Schokolade-Wettessens: Es wird reihum gewürfelt; wer eine Sechs hat, zieht sich schnellstmöglich Mütze, BH und Sonnenbrille auf und versucht, so viel von einer auf dem Tisch liegenden Tafel Schokolade zu essen, wie nur möglich. Eine Parabel für das Leben?

Nacktschnecken. Österreich 2002, 35mm. Regie: Michael Glawogger, Buch: Michael Glawogger, Michael Ostrowski, Bild: Wolfgang Thaler, Ton: Ekkehart Baumung, Karin Hartusch, Musik: Patrick Pulsinger, Schnitt: Andrea Wagner, Produzenten: Danny Krausz, Kurt Stocker, Produktion: Dor Film, Darsteller: Raimund Wallisch, Michael Ostrowsk, Pia Hierzegger, Iva Lukic, Sophia Laggner, Georg Friedrich.





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