Megacities

Von Martin G. Günkel

Megacities – Der Titel dieses Essayfilms von Michael Glawogger weckt zwei Assoziationen. Zum einen stehen diese Riesenstädte für geballte Konzentration von Macht und Kapital, zum anderen aber auch für das andere Extrem: ausufernde Verelendung. Dieses zweite Extrem ist das, wofür sich Glawogger interessiert. In den Peripherien dieser Städte scheint es fast unmöglich zu überleben. Zwölf Geschichten von diesem Überleben will der Film erzählen, wie der Untertitel verspricht.

Menschen in den unmöglichsten Umgebungen finden Glawogger und Kameramann Wolfgang Thaler vor: einen Filmvorführer, einen Farbenhersteller, Diebe, Müllsammler, eine überforderte Mutter und Striptease-Tänzerin, Blinde in einer Fabrik, einen Heroinsüchtigen und viele andere. Sie alle scheinen perspektivenlose Menschen ohne jede Hoffnung zu sein, aber der Schein trügt. Ihre Träume geben ihnen Hoffnung, sie sind geradezu die Voraussetzung des Überlebens. Die Ausdrucks- und Projektionsmittel dieser Träume sind Literatur, Musik, Tanz und nicht zuletzt das Kino. Nur ein New Yorker Heroinsüchtiger hat keine Träume mehr – sein Leben ist ein irgendwie akzeptierter Albtraum. Diese Geschichten sind scheinbar willkürlich aneinandergereiht. Von einem Dokumentarfilm im populären Sinne würde man wohl erwarten, dass die Städte Bombay, Mexico City, New York und Moskau nacheinander abgearbeitet werden, der Film in Blöcken erzählt wird. Hier aber wird zwischen den Städten hin und her gesprungen; nach einer Geschichte wird das Publikum in andere Städte mitgenommen, um sich später in einer bereits bereisten Stadt wiederzufinden. Eine lineare Struktur hat dieser Film also nicht, sondern vielmehr eine Netzstruktur. Zu sehen ist ein Gewebe von Träumen, durch die Menschen überleben können. Zu den Träumen kommen noch andere Dinge hinzu, die das Netz zusammenhalten, Motive wie beispielsweise die Hühner, die auf unterschiedliche Weise in den Episoden auftauchen. So multiperspektivisch wie der gesamte Film ist auch jede einzelne Sequenz. Es gibt Totalen, die die Menschen mit gezielten Bildkompositionen in Beziehung zu ihrer unwirtlichen Umgebung setzen. Da gibt es ebenso Nahaufnahmen, die Details zeigen. Und natürlich gibt es alle Zwischenstufen. Sehr harmonisch sind diese Bilder durchkomponiert, vor allem die Totalen und Halbtotalen mit einem bestimmten Verhältnis von Vorder- und Hintergrund. Die Straßen und Plätze sind zumeist grau oder graubraun, wirken ebenso schmutzig wie trostlos. Die Menschen jedoch bringen oft Farbe in diese tristen Umgebungen, die Kamera stellt das klar heraus. Nicht immer sind Farben nur schön. Wenn der Farbmischer im Gesicht und am Körper vollkommen mit dem Staub seiner Produkte bedeckt ist, wirkt diese Farbe im Sonnenlicht rein optisch zwar wunderschön, aber sie bedeutet auch einen massiven Angriff auf die Gesundheit des Mannes. So ist es auch für das Publikum eine wahre Befreiung, wenn er sich am Ende der Sequenz die Farbe aus dem Gesicht wäscht. Das Blut getöteter, aber noch zappelnder Hühner ergibt ebenfalls ein farbiges Bild – aber natürlich kein „schönes”. Da ist es schon wieder richtig „schön”, das Schlachthaus zu verlassen und graue Straßen zu sehen. Sehr harmonisch wurden all diese Einstellungen beim Schnitt zusammengefügt. Es sind langsame Schnitte, die zu keiner Zeit Hektik aufkommen lassen. Dem Publikum wird Gelegenheit gegeben, sich in Ruhe auf diese Bilder einzulassen und mit ihnen auf Menschen, in deren Umgebung es sich nicht unbedingt freiwillig und mit der vom Film verbreiteten Ruhe aufhalten würde. Manchmal wird man so auch dazu gezwungen, hinzusehen, wenn man eigentlich wegsehen möchte, etwa bei dem genannten Bild der zappelnden Hühner. In der Umkleidekabine der Striptease-Tänzerin mag sich das Publikum fragen: Darf ich das jetzt sehen? Aber es ist unwahrscheinlich, dass es seinen Blick verschließt. Nah- und Großaufnahmen verwendet Thaler nur, wenn er bestimmte Details unbedingt zeigen will. Meist wahrt er eine gewisse Distanz, ohne aber wegzusehen. Wer dem Film Voyeurismus unterstellt, entlarvt dabei mitunter seine eigenen Motive. Damit thematisiert der Film auch das reale und das filmische Sehen, zeigt er doch auf faszinierende Weise Dinge, die man in der Regel nur in einem solchen Film anschauen würde. Einen Hinweis auf das Thema „filmisches Sehen” gibt der Film direkt: wenn er einen Blick in das Bioskop des Filmvorführers gewährt und zunächst nur die Laufstreifen dieser Filme dafür sorgen, dass sie als Film im Film zu erkennen sind. Ein Essayfilm wie dieser ließe sich nicht verwirklichen mit einer Kamera, die sich (so weit das möglich ist) heraushält. Thalers Kamera greift ein, die Menschen agieren für sie, viele Szenen sind sichtbar gestellt. Die Kamera formt durch die Bildkompositionen ebenso wie durch ihre sichtbare Präsenz. Im Direct Cinema wäre das ebenso ein Tabu wie in einem journalistischen Dokumentarfilm. Aber deren Ziele hat sich Michael Glawogger nicht gesetzt. Er ist ein Essayist, der nicht in geschriebenen Worten, sondern in Thalers atemberaubenden Bildern nachdenkt: über das Überleben, die Träume, das Sehen und was diese drei Grundelemente jeder menschlichen Existenz miteinander zu tun haben.

Megacities. Österreich 1997. 35mm. Buch und Regie: Michael Glawogger, Bild: Wolfgang Thaler, Kameraassistenz: Attila Boa, Ton: Ekkehart Baumung, Schnitt: Andrea Wagner, Produzenten: Erich Lackner und Rolf Schmid, Produktion: Fama Film AG, Lotus Film.





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