Jesus, du weißt
Von Andreas Kirchner
Eine Frau bittet Jesus, ihrem kranken Mann die Kraft zu geben, die gesundheitlichen Folgen seines Schlaganfalls anzunehmen und zum rechten Glauben zu finden. Ein Mann fragt, warum sein Bruder und er in ihrer Kindheit so grausam unter ihren Eltern leiden mussten. Ein junger Student entschuldigt sich für seine erotischen Phantasien, die ihn während des Bibelstudiums überkommen. Sie und drei weitere, tief gläubige Katholiken offenbaren in Ulrich Seidls Jesus, du weißt ihre innigsten Wünsche, Ängste und Sorgen genauso wie ihre alltäglichen Probleme. Sie alle gehen dazu in die Kirche, sie alle richten ihre Worte an Bildnisse Jesu Christi und sie alle tun dies nicht im stillen Gebet, sondern laut.
Zeugin dieser Bekenntnisse ist die Kamera von Wolfgang Thaler, die die längste Zeit des Films die Position des angebeteten Jesus einnimmt, geduldig die Monologe der direkt in die Kamera blickenden Gläubigen registriert und Bilder von einzigartiger Intimität und Intensität hervorbringt. Unterbrochen werden diese teilweise minutenlangen Einstellungen aus göttlicher Perspektive von Gegenschnitten auf die angebeteten Jesus-Darstellungen. Dadurch wird nicht nur ein Dialog zwischen Jesus und den Gläubigen suggeriert; im symmetrischen Bildaufbau, der allen Aufnahmen der Jesusbildnisse eigen ist, bilden diese stets das Zentrum, den Fluchtpunkt – analog zu ihrer elementaren Bedeutung im Leben der sechs Betenden. Die penible Genauigkeit der Kadrage lässt sich aber nicht nur in diesen, sondern in jeder der kaum mehr als hundert, ausnahmslos mit unbewegter Kamera aufgenommenen Einstellungen erkennen. So wird in den Aufnahmen der Gebete dem imposanten Zusammenspiel aus Architektur und Beleuchtung der Sakralbauten auffallend viel Raum zur Entfaltung gegeben – für die Menschen bleibt teilweise nur Platz am unteren Rand der Bilder. In diesen Kompositionen wird nicht nur Gottes Herrlichkeit gehuldigt (dies geschieht zudem durch die Intonation dreier Kirchenlieder), sondern auch seiner Macht über die Strenggläubigen Ausdruck verliehen. Nahezu beklemmende Wirkung haben die wenigen, entweder symmetrisch angelegten oder von inneren Rahmungen gekennzeichneten Aufnahmen außerhalb der Gotteshäuser, die die sechs Portraitierten beim routiniert-monotonen Ausüben von Sportaktivitäten oder in ihren tristen Wohnungen zeigen und sie als isolierte Gefangene ihrer Glaubensauslegung erscheinen lassen.
Der sparsame, aber präzise Umgang mit den filmischen Ausdrucksmitteln korrespondiert nicht nur mit der im Film gezeigten strengen, beinahe zwanghaften und etwas bigotten religiösen Praxis, sondern steht auch im Gegensatz zu den prunkvoll ausgeschmückten Kirchen. So wird Jesus, du weißt zu einem puristischen, vielleicht sogar puritanischen Film über eine Interpretation des Katholizismus abseits der medienwirksamen Massenveranstaltungen, die sein Bild in den letzten Jahren zunehmend geprägt haben. Gerade in ihrer Enthaltsamkeit tritt die formale Gestaltung des Films hervor und eröffnet Räume zur Reflexion des Gesehenen. Nicht nur, dass dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben wird, in den langen Einstellungen seinen Blick über den Bildkader schweifen zu lassen und seine eigene Haltung zu den angesprochenen Themen zu hinterfragen, die von menschlichen, allzu menschlichen Problemen bis hin zu tiefgreifenden religiösen Fragen wie der Theodizee reichen. Durch seine minutiöse visuelle Gestaltung löst der Film eine umfassende Infragestellung der katholischen Bilderverehrung und der im Film aufscheinenden Gottesvorstellungen aus, ohne den Respekt vor den Gläubigen zu verlieren oder zu einer Satire auf den Katholizismus zu geraten. Dieser Reflexionsprozess macht freilich nicht vor der Gestaltung des Films selbst halt. Jesus, du weißt evoziert permanent die Frage nach dem Grad seiner Wirklichkeitsinszenierung, bei deren Beantwortung man sich als Zuschauer ähnlich alleingelassen fühlt wie die Betenden in der Kirche. Der zwanghafte Versuch einer Klassifizierung des Films als Dokumentar- oder Spielfilm ist zum Scheitern verurteilt. Vermutlich kennen nur die Schöpfer des Films und die Betenden die Antwort.
Jesus, du weißt. Österreich 2002. DigiBeta. Regie: Ulrich Seidl, Buch: Veronika Franz und Ulrich Seidl, Bild: Wolfgang Thaler und Jerzy Palacz, Kameraassistenz: Christoph Hochenbichler, Marcos Pieta-Jorge und Hans Selikovsky, Ton: Ekkehart Baumung, Schnitt: Christof Schertenleib und Andrea Wagner, Produzenten: Anne Baumann und Martin Kraml, Produktion: MMK Media, Arte.
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