Interview: „Wenn dich die Panik überfällt: kurz hinlegen, Augen zu machen, durchatmen und dann weiter.“

Hinweis: Das Interview wurde im Vorfeld der Marburger Kameragespräche 2009 vom Team des Marburger CampusTV geführt.
Einen Teil des Interviews finden Sie als Video unter der Rubrik
Bilder & Videos: Interview: Wolfgang Thaler über…

CampusTV: Bevor Sie an die Filmakademie in Wien gegangen sind, haben Sie Landwirtschaft studiert und waren als Bienenzüchter tätig. Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, doch lieber Kameramann zu werden?

Wolfgang Thaler: Das Landwirtschaftsstudium war für mich eigentlich ein Tarnstudium, weil ich noch nicht wusste, was ich machen möchte. Mehr als zwei Jahre kann man ja so ein Tarnstudium nicht betreiben und dann kam die Frage auf: „Was willst du mit deinem Leben anfangen?“ Die Entscheidung war dann ganz klar: Wenn du etwas machst, dann nur das, was du dir wünscht. So habe ich mich entschlossen, auf die Filmakademie zu gehen.

CampusTV: Würden Sie sagen, dass trotzdem die Erfahrungen, die Sie in Ihrem Leben vor dem Film gemacht haben, Ihre Arbeit beeinflusst haben?

Wolfgang Thaler: Das kann ich nicht behaupten. Naturbeobachtung – das ist vielleicht etwas, das mich beeinflusst hat, aber das hat nicht unbedingt mit dem Studium zu tun.

Wolfgang Thaler, Preisträger des Marburger Kamerapreises 2009, sprach im Vorfeld der 11. Marburger Kameragespräche über Herausforderungen seiner Arbeit, Gefahren am Drehort, die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion und manches mehrCampusTV: Ich frage auch deshalb, weil wir in einer Filmreihe zu den Kameragesprächen den Film BIENEN – EIN LEBEN FÜR DIE KÖNIGIN gesehen haben. Dort waren auch eine Reihe Experten eingeladen, zum einen Hobbyimker, aber auch Biologen von der Universität, die alle sehr beeindruckt waren von Ihrem Film, sich aber nicht vorstellen konnten, wie einige Bilder entstanden sind, zum Beispiel die Flugaufnahmen oder der Paarungstanz. Zumindest Ihre Kenntnisse als Imker haben da doch sicherlich eine Rolle gespielt.

Wolfgang Thaler: Ohne dass man genau Bescheid weiß, wie so ein Bienenvolk funktioniert, kann man so einen Film nicht machen. Ich habe einem Freund, mit dem ich die Schulbank gedrückt habe, der hat die Imkerei von seinem Großvater gelernt und der war mit 17, 18 Jahren schon so ein Experte darin, dass er mir das Handwerk der Imkerei beigebracht hat. Ihn hatten wir engagiert, um bestimmte Szenen herzustellen – für bestimmte Geschichten mussten wir einfach die Bienen manipulieren. So auch den Hochzeitsflug. Normalerweise findet so ein Hochzeitsflug in ca. 60-80 Metern Höhe statt. Wir haben einen Aluminium-Turm mit 20 Metern Höhe aufgebaut, einen Helium-Ballon mit einer gefesselten Bienenkönigin drangehängt und sehr hoch in die Luft gelassen. Auf diesem „Drohnensammelplatz“ haben dann die Drohnen den Königinnenduft aufgenommen und dann haben wir langsam diesen Ballon Richtung Kamera gebracht und direkt vor der Kamera war eine Bienenkönigin – ich muss gestehen gefesselt – auf einem langen Schwenkarm. Die Kamera hat sich mit der Königin immer im Kreis gedreht und dann haben die angelockten Drohnen den Duft von der Königin vor der Kamera übernommen. Das Ergebnis war, dass wir wirklich drehen konnten, wie es eigentlich in der Luft stattfindet.

CampusTV: Ihre Kameraführung wurde des Öfteren mit Adjektiven wie „neugierig“, „interessiert“, „geduldig“ oder „beobachtend“ bezeichnet. Sie sieht hin, auch wenn es unangenehm wird. Wie gehen Sie hinter der Kamera mit unangenehmen Situationen um, z.B. bei den Bildern auf dem Schlachthof in Nigeria in WORKINGMAN’S DEATH oder den Bildern von der erotischen Tänzerin Cassandra in MEGACITIES?

Wolfgang Thaler: Im Vordergrund steht natürlich, dass ich Bilder einfangen möchte, die man so noch nicht gesehen hat. Dabei ist die Kamera für mich wie ein Schutzmedium. Außerdem ist der Stress, ein Bild zu verhauen, so groß, dass ich auch genügend Distanz dazu habe. Beim Schlachthof, wenn das Töten der Tiere dann länger gedauert und der Moment des Sterbens sich in die Länge gezogen hat, habe ich mir manchmal den Luxus erlaubt, die Augen hinter der Kamera zu schließen und zu einfach zu spüren, wann ich sie wieder aufmachen muss, um zu sehen, wie es weitergeht.

CampusTV: Sie werden häufig als „Kameramann der Extreme“ bezeichnet, haben an zahlreichen unwirtlichen, ja feindseligen Plätzen gearbeitet. Wo hatten Sie am meisten Angst? An der „Nose“ im Yosemite Valley , also bei AM LIMIT, oder in der Kohlenmine in der Ukraine bei WORKINGMAN’S DEATH? Oder vielleicht ganz wo anders?

Wolfgang Thaler: Angst hatte ich natürlich an der „Nose“, in 1000 Metern Höhe, vor dem Abgrund, weil ich Höhenangst habe. Aber in dem Moment, in dem ich die Kamera in die Hand nehme, ist diese Angst weg. Bei der Kohlenmiene in der Ukraine war das so: Das Team hat sich auf den Weg dort hinein gemacht, übrig geblieben sind der Regisseur Michael Glawogger und ich. Alle anderen haben wieder umgedreht, weil dich einfach im ersten Moment die Panik überfällt, wenn du da 200 Meter hineinkriechst und der Schacht ist nur 40 Zentimeter hoch. Wir haben einen guten Rat bekommen: „Wenn dich die Panik überfällt: kurz hinlegen, Augen zu machen, durchatmen und dann weiter.“ In dem Moment, wenn man am Drehort angekommen ist und damit beschäftigt ist, diese Arbeit einzufangen, spielt die Angst sowieso keine Rolle mehr. Man denkt auch nicht mehr darüber nach, was passieren kann.

CampusTV: Welcher Film hat Sie während Ihrer Arbeit als Kameramann am meisten berührt? Was war Ihr emotionalster Moment bei Ihren bisherigen Dreharbeiten?

Wolfgang Thaler: Ich lache hinter der Kamera sehr oft, wenn eine witzige Szene entsteht, bin aber auch sehr berührt, wenn ein sehr emotionaler Moment entsteht. Sehr berührt hat mich in MEGACITIES das Schlussbild von der Tänzerin Cassandra, wo sie vor diesen Scheinwerferkegeln tanzt. Das war für mich während des Durchschauens schon ein sehr emotionaler Moment.

CampusTV: Sie haben in zahlreichen Filmen die Kamera geführt, in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen. Dies gilt sowohl für die „essayistischen Dokumentarfilme“ Glawoggers, als auch für die Filme Ulrich Seidls. Wo würden Sie – wenn überhaupt – die Grenze zwischen beiden Bereichen ziehen? Und wenn Sie eine solche ziehen, auf welcher Seite arbeiten Sie bevorzugt?

Wolfgang Thaler: Ich glaube, dass die Grenze gar nicht so groß, so tief ist zwischen der Fiktion und dem Dokumentarischen, weil man sowohl beim Spielfilm als auch beim Dokumentarfilm versucht, eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte erzählt man, indem man Ausschnitte des Lebens weglässt. Filmemachen entsteht durch Weglassen, um zum Punkt der Geschichte vorzudringen. Und deshalb würde ich sagen, dass da der Unterschied nicht so groß ist. Bei der Herstellung des Films ist der Unterschied allerdings schon sehr groß, weil man beim Spielfilm den Luxus hat, sich alles herzustellen. Man kann sich das Set bauen, man kann sich das Licht bauen und beim Dokumentarfilm muss man eben mit den gegebenen Situationen umgehen. Der Dokumentarfilm hat mir natürlich sehr geholfen im Spielfilmbereich, weil du beim Dokumentarfilm lernst, ganz schnell Entscheidungen zu treffen, du musst schnelle Entscheidungen zu treffen und das kommt dir bei der Fiktion einfach zu Gute, weil du auch dort relativ schnell Entscheidungen treffen musst, damit jede Abteilung anfangen kann, ihre Arbeit zu machen und es dann zum Drehen der Szene kommt.

CampusTV: Es ist auffällig, dass Sie in mehreren Filmen mit Co-Kameraleuten zusammenarbeiten. Das gilt zum Beispiel für JESUS, DU WEISST, HÖLLENTOUR oder IMPORT/EXPORT bei dem Sie mit Ed Lachman zusammengearbeitet haben. Wie kann man sich die Arbeitsteilung vorstellen? Konkret: Wie war die Aufteilung bei HÖLLENTOUR zwischen Ihnen, Michael Hammon und Filip Zumbrunn?

Wolfgang Thaler: Man muss prinzipiell sagen, dass man als Kameramann selten die Gelegenheit hat, mit Kollegen zusammen zu arbeiten. Es ist ein eher egoistischer Beruf, man berührt sich sehr selten, man tauscht sich sehr selten aus. Ich mag Zusammenarbeiten mit anderen Kameraleuten. Bei HÖLLENTOUR ging es gar nicht anders, als dass man mindestens drei Kameras hat, weil so ein Ereignis wie ein Radrennen rauscht an der Kamera vorbei und dann kannst du nicht mehr mithalten, du hast keine Chance mehr, das Peloton einzufangen. Wir haben bei HÖLLENTOUR sehr unabhängig voneinander gearbeitet. Jedes Team war auf sich gestellt. Der Regisseur war einmal mit diesem Team unterwegs und einmal mit einem anderen. Wir haben uns kurz abgesprochen, wer welche Aufgabe übernimmt und es hatte auch jeder von uns dreien ein bisserl eine andere Filmsprache, aber es hat sich doch schlussendlich sehr schön zusammengefügt und alle haben ganz tolle Geschichten gebracht.

CampusTV: Können Sie kurz darstellen, welche Bilder aus dem Film von Ihnen sind?

Wolfgang Thaler: Filip Zumbrunn hat zum größten Teil die Motorrad-Aufnahmen gemacht. Die Interviewsituationen hat zum größten Teil Michael Hammon zusammen mit Regisseur Pepe Danquart gemacht. Ich war von Pepe beauftragt worden voraus zu fahren, um so kleine Geschichten rund um das Radrennen zu finden und diese dann umzusetzen. So ungefähr kann man sich die Aufteilung vorstellen. Wir haben uns jeden Tag am Abend nach einer Etappe in einem Wohnmobil getroffen und haben uns Muster von vergangenen Tagen und Etappen anschauen können. So hat ja auch jeder gesehen, was der andere gemacht hat, um sich vielleicht ein bisserl dem anzugleichen. Also ich könnte jetzt nicht konkret sagen, wer was gemacht hat, aber wenn ich den Film sehe, weiß ich ganz genau, welche Bilder von mir sind.

CampusTV: Bei AM LIMIT haben Sie ja auch mehr oder weniger als Koordinator für die Spezialkameraleute agiert. War das noch einmal eine besondere, vielleicht größere Verantwortung, als alleine für die Kamera verantwortlich zu sein?

Wolfgang Thaler: Diese drei Extremkameraleute waren junge, begabte Bergsteiger, die höchste Schwierigkeitsgrade klettern können, die aber für Pepe Danquarts und meine Ansprüche ein bisserl zu wenig Erfahrung hatten und auch noch zu jung waren, um diese Erfahrung haben zu können. Meine Aufgabe war es, die Burschen dort hin zu bringen, dass sie die Bilder liefern, wie wir sie uns vorgestellt haben. Das heißt wir haben uns am Abend die Muster angeschaut, ich habe ihnen anhand der Bilder erklärt, was man tun muss, damit man Spannung sieht, damit man die Gefährlichkeit wahrnimmt. Es ist nicht keineswegs selbstverständlich, dass obwohl die Wand senkrecht ist, auch Bilder produziert werden, die gefährlich ausschauen. Dass man spürt, an welchem Ort man ist. Also habe ich ihnen versucht klarzumachen: „Stell‘ die Kamera auf den Kopf! Wenn du dir jetzt vorstellst, du schaust auf die Leinwand und der Fels ist oben am Bildrand und der untere Bildrand ist leerer Abgrund, das erzeugt eine Spannung, das erzeugt Gefahr, weil unsere Sehgewohnheit so ist, dass unten im Bild einfach der Boden ist, die Sicherheit.“ Und indem man die Kamera auf den Kopf gestellt hat oder sich mit den Füßen von der Wand weggestemmt und hinunter gefilmt hat, ist dieser Eindruck von Gefährlichkeit, der im Film ja auch tatsächlich da ist, entstanden. Wenn man das aus der falschen Perspektive aufnimmt, dann schaut das in der Felswand harmlos aus und das ist es ja nicht in diesem Fall.

CampusTV: Sie haben sowohl mit Ulrich Seidl, Michael Glawogger als auch mit Pepe Danquart in mehreren Filmen zusammengearbeitet. Können Sie beschreiben, wo die prägnantesten Unterschiede in der Zusammenarbeit mit den drei Regisseuren liegen?

Wolfgang Thaler: Ulrich Seidl hat in den 90er Jahren bei seinen Dokumentarfilmen für sich eine Filmsprache, eine Bildsprache entwickelt, der er weitgehend treu geblieben ist. Michael Glawogger ist eher ein experimentierfreudiger Mensch, der völlig unterschiedliche Filme macht. Sowohl Seidl als auch Glawogger haben eher klare Vorstellungen davon, wie sie das Bild haben wollen. Bei Pepe Danquart genieße ich mehr Freiheit, weil er mir die optische Gestaltung mehr überlässt – natürlich in Absprache mit ihm. Er erzählt mir, was er sich wünscht, wie die Stimmung sein soll, und ich mache ihm dann Vorschläge oder es kommen Ideen von ihm, die wir dann zusammen umsetzen. Das ist es eigentlich im Wesentlichen.

CampusTV: Kann das auch damit zusammenhängen, dass Michael Glawogger selbst, bevor er ins Regiefach gewechselt ist, als Kameramann, ja auch für Ulrich Seidl, gearbeitet hat? Dass er deshalb vielleicht konkretere Vorstellungen hat?

Wolfgang Thaler: Michael Glawogger war eigentlich immer Regisseur, der aber auch ein Talent für Kamera und ein Gespür für Bilder hat. Es ist natürlich für mich ein Genuss, mit einem Menschen zusammenzuarbeiten, der ein starkes optisches Denken hat und in Bildern denkt. Das ist für mich ein Luxus, weil die ganze Verantwortung nicht auf einem alleine lastet. Es ist Stress genug, dass technisch alles richtig ist, dass du mit der Kamera jederzeit am richtigen Ort bist, dass du dich nicht „verschwenkst“, dass das Licht stimmt. Es gibt genug nebenbei noch zu tun und es ist einfach ein Vergnügen, mit jemandem zu arbeiten, wo auch von der optischen Seite sehr viel Input kommt.

Wolfgang Thaler, Preisträger des Marburger Kamerapreises 2009, sprach im Vorfeld der 11. Marburger Kameragespräche über Herausforderungen seiner Arbeit, Gefahren am Drehort, die Grenze zwischen Dokumentation und Fiktion und manches mehrCampusTV: Noch einmal kurz zur Zusammenarbeit mit Ulrich Seidl. Es ist offensichtlich, dass in den Filmen sehr viel Wert auf die Kadrage gelegt wird. Die Lichtgestaltung ist ja der zweite große Aufgabenbereich eines Kameramanns. Wie kann man sich die Lichtgestaltung bei Ulrich Seidl vorstellen? Das Licht wirkt dort eher spartanisch oder zumindest sparsam eingesetzt. Wird da hauptsächlich mit natürlichem Licht gearbeitet? Wird zum Beispiel bei JESUS, DU WEISST viel mit den Möglichkeiten gearbeitet, die in den Kirchenräumen vorhanden sind, oder kommt da auch Kunstlicht zum Einsatz?

Wolfgang Thaler: Bei Ulrich Seidl muss, was die Kadragen betrifft, das Bild stimmen. Wir drehen kein Bild, bei dem wir wissen, die Kadrage kann nicht so werden, wie wir uns das wünschen. Wie es das Bild verlangt, wie es der Inhalt verlangt, wie es der Raum verlangt. Da sind wir sehr genau. Die Einstellungen in Ulrich Seidls Filmen stehen oft sehr lange und daher ist es notwendig, dass du ein nahezu perfektes Bild gestaltest und kadrierst. Das Auge wandert über das Bild. Wenn dort etwas ist, was dich ablenkt, was nicht in Harmonie mit der Kadrierung ist, dann schmeißt es dich irgendwann als Zuschauer raus. Und erst dann, wenn das Bild perfekt stimmt, kommen die Darsteller und der Inhalt. Und das muss zusammenpassen. Und genauso muss das Licht stimmen. Zum größten Teil arbeiten wir mit vorhandenen Lichtmitteln, das heißt wir verstärken maximal die Glühbirnen oder wir hängen irgendwo einen Neonbalken auf. Ganz selten kommt ein schwacher Scheinwerfer zum Einsatz, aber das ist nur dann, wenn wir wirklich große Not haben. In den Kirchen bei JESUS, DU WEISST haben wir uns allerdings den Luxus erlaubt, tatsächlich hinter der Kamera einen Scheinwerfer aufzustellen – normalerweise muss bei Ulrich Seidl ein Motiv 360 Grad bespielbar sein. Das heißt Stativ und Lampe kommen sowieso nicht in Frage und es macht ihn auch verrückt, wenn er Licht sieht, weil das für ihn keine authentische Situation ist. Es genügt schon, dass eine Kamera am Set ist, das ist schon genug Einflussnahme auf die Darsteller und Licht ist eigentlich ganz verboten.

CampusTV: Pepe Danquart hat sich in einem Interview einmal daran erinnert, dass Sie eines seiner Motive für „unbrauchbar“ erklärt haben. Wie kam es dazu, dass Sie zu Pepe Danquart gesagt haben: „Na, des is‘ ka Bild net!“?

Wolfgang Thaler: Den Luxus, den ich habe mit Ulrich Seidl und mit Michael Glawogger, ist folgender: Wenn wir merken, es ist kein Bild, dann wird man auch nicht gezwungen dieses Bild zu drehen. Bei Pepe ist es inzwischen auch so, dass, wenn ich ihm sage: „Pepe, das ist kein Bild, da kriegen wir nichts zusammen!“, er das akzeptiert und nicht darauf drängt, dass man da doch versucht, irgendetwas rauszuholen. Das war vermutlich am Anfang unserer Zusammenarbeit, als ich gesagt habe: „Pepe, was willst du da? Das wird kein Bild!“ Er war kurz irritiert, hat es dann aber eingesehen. Aber ich muss gestehen, ich kann mich jetzt nicht konkret an das Motiv erinnern, um welches es da gegangen ist, weil es wahrscheinlich auf den Pepe mehr Eindruck hinterlassen hat als auf mich.

CampusTV: Die nächste Frage zielt genau in diese Richtung. Wenn man sich die Credits der verschiedenen Filme, bei denen Sie mitgewirkt haben, ansieht, bekommt man das Gefühl, dass Sie sich alle – also Pepe Danquart, Ulrich Seidl und Michael Glawogger – schon sehr lange kennen. Hat das Einfluss auf die Hierarchie am Set? Ist die vielleicht teilweise außer Kraft gesetzt?

Wolfgang Thaler: Ich habe das Glück, diese drei Regisseure getroffen zu haben, wir arbeiten sehr gerne zusammen und Hierarchie findet dann in diesem Fall eigentlich nicht statt. Hierarchie hat doch einfach nur damit zu tun, dass der Regisseur ein Filmteam leitet. Es muss einen Kopf geben, aber ein Film entsteht nur durch die Zusammenarbeit, durch Teamarbeit, durch das Ineinandergreifen von Ton, Kamera, Ausstattung, Maske, Beleuchtung, Requisite. Deswegen spreche ich nicht gerne von Hierarchie, weil es ist und bleibt Teamwork. Und dieses Team muss einfach ein Kopf leiten und das ist die Regisseurin oder der Regisseur.

CampusTV: Sie haben in Ihrer Karriere ja schon einige Preise bekommen, zum Beispiel den Goldenen Kader 2006 für WORKINGMAN’S DEATH. Was bedeutet für Sie der Marburger Kamerapreis in diesem Jahr?

Wolfgang Thaler: Es ist mir erst im Laufe der letzten Monate so richtig bewusst geworden, was für einen großen Stellenwert der Marburger Kamerapreis in der Filmwirtschaft hat. Ich fühle mich natürlich sehr geehrt und war am Anfang leicht irritiert, nachdem ich gesehen habe, welche wirklich großen Bildkünstler diesen Preis schon empfangen hatten. Ich muss gestehen, es war mir zunächst gar nicht so bewusst, dass ich da jetzt eingereiht werde, aber es freut mich natürlich.

CampusTV: Eine Besonderheit dieser Veranstaltung ist ja, dass nicht nur eine Auszeichnung vorgenommen wird, sondern dass Ihr Werk auch zwei Tage lang sehr intensiv diskutiert wird. Was halten Sie davon und was erwarten Sie von den kommenden beiden Tagen?

Wolfgang Thaler: Ich empfinde das als eine großartige Veranstaltung, weil in der Regel die Kameraarbeit zwar im Sinne von Preisverleihungen wahrgenommen wird, dass man sich aber so intensiv auseinandersetzt mit der Kameraarbeit, das ist wirklich eine Einmaligkeit hier in Marburg. Das finde ich für unseren Berufstand großartig. Was ich mir erwarte? Ich fürchte, es wird für mich ein bisserl ein Stress werden, weil ich bin es ja eher gewohnt hinter der Kamera zu sein. Vor der Kamera bin ich eher scheu.

CampusTV:Noch eine Frage zum Abschluss: Können Sie den Studenten hier in Marburg, die in Zukunft auch Kameramann oder Kamerafrau werden wollen, ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben?

Wolfgang Thaler: Das Leben beobachten, Menschen beobachten, viel, viel weglassen und nur das Wesentliche erzählen und so zu erzählen, dass man es auch optisch umsetzen kann. Das wichtigste beim Filmemachen ist: Wie erzähle ich eine Geschichte optisch? Und das kann man nur, indem man beobachtet, eine Auswahl trifft und viel Unnötiges weglässt.



Das Interview führten Rebecca Hufgard und Andreas Kirchner.




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