Höllentour

Von Andreas Kirchner

Das berühmteste Radrennen der Welt, die Tour de France, ist eines der größten Sport- und Medienereignisse überhaupt, bei dem jährlich Millionen von Zuschauern entlang der Strecke und vor den Fernsehapparaten rund um den Globus live dabei sind. Den Charakter eines medialen Events hatte die „Tour“ von Beginn an, wurde sie doch einst gegründet, um der Sportzeitschrift „L’Auto“ höhere Auflagen zu bescheren. Heute kennt beinahe jeder die Bilder von Radfahrern, die im Pulk ins Ziel sprinten, alleine auf futuristischen Rennmaschinen gegen die Uhr kämpfen oder sich die Berge hinauf quälen und waghalsig wieder hinab stürzen. Ein Platz auf dem Podest ist nur den wenigsten vergönnt, während abseits des Blitzlichtgewitters zahlreiche Fahrer zerschlissene Trikots, blutende Wunden und gebrochene Knochen davontragen und nicht selten durch ihre Verletzungen zur Aufgabe gezwungen werden.

Dieser Erfahrung der „Tour“ als „Tortour“ widmete sich Oscar-Preisträger Pepe Danquart anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der „Grande Boucle“ 2003 mit seinem Film Höllentour. Es war sein erklärtes Ziel, ein Bild der Frankreichrundfahrt zu zeichnen, das sich abhebt von der meist auf die großen, häufig über Jahre hinweg ausgetragenen Duelle um den Gesamtsieg konzentrierten Fernsehberichterstattung. Der Aufwand, den Danquart betrieben hat, um diesem seit jeher bestens dokumentierten Sportereignis neue Bilder abzuringen, war enorm: Um das Vertrauen der Fahrer zu erlangen, begleitete er – zunächst ohne Kamera – das Bonner Team Telekom bereits ein Jahr vor dem eigentlichen Dreh durch Frankreich. Um möglichst viele (Neben)Schauplätze abdecken zu können und für alle Eventualitäten des Rennverlaufs gewappnet zu sein, kam er 2003 gleich mit drei Kamerateams zurück, die von Michael Hammon, Wolfgang Thaler und Filip Zumbrunn geleitet wurden. Ergänzend griff er auf Archivmaterial aus der an Leidensgeschichten reichen Historie der „Tour“ und auf Ausschnitte der öffentlich-rechtlichen Liveberichterstattung zurück.

Danquarts Kameras erreichen eine Art Omnipräsenz: Wenn die Fans morgens die Namen ihrer Idole auf die Straße pinseln, sind sie schon, und wenn die „Tour“-Karawane abends die Zielorte wieder verlässt, noch dabei. Sie dokumentieren, wie die Franzosen den Etappensieg ihres Stars Richard Virenque feiern und wie der deutsche Hoffnungsträger Andreas Klöden entkräftet aufgeben muss. Aus ungewöhnlichen Perspektiven und in gedämpften Farben machen sie – nicht selten in Slow-Motion – die Faszination der französischen Landschaft, die Begeisterung der Zuschauer, die Anstrengungen der Fahrer und die Rasanz der Abfahrten in einer bis dato nicht gekannten Intensität erfahrbar. Der von leichtfüßigen Musettes bis hin zu kreischenden E-Gitarren-Soli reichende Soundtrack des Jazzmusikers Till Brönner ergänzt diese Bilderwelt auf kongeniale Weise und vervollständigt Danquarts Vision der „Tour der Leiden“. Zudem dringen die Kameras in Bereiche vor, die den Fernsehteams verwehrt bleiben. So hören und sehen wir nicht nur den sportlichen Leiter Mario Kummer aus dem Teamfahrzeug seine Fahrer anfeuern, sondern sitzen gemeinsam mit ihm und dem kompletten Team im Mannschaftsbus, wo vor jeder Etappe die Taktiken besprochen und danach die Wunden geleckt werden. Doch damit nicht genug: Wir folgen den mit reichlich Charme und Entertainer-Qualitäten ausgestatteten Protagonisten des Films, dem alternden Ex-Sprinterkönig Erik Zabel und seinem treuen Freund und Helfer Rolf Aldag, in ihre Hotelzimmer, die sie seit Jahren miteinander teilen, und auf die Massagebank, wo sie ihrem Masseur „Eule“ ihre Ängste und Wünsche anvertrauen. Schließlich dürfen wir sogar mit Aldag unter die Dusche – um zuzusehen, wie er sich die Beine rasiert, um Entzündungen bei einem eventuellen Sturz vorzubeugen.

Bei so viel Intimität wundert es in Anbetracht der jüngsten Geschichte der Tour de France, die in den letzten Jahren mehr und mehr zur „Tour de Farce“ geraten ist, dass das mittlerweile den gesamten Radsport überschattende Thema Doping in Höllentour nur am Rande in Form einer routinemäßig durchgeführten Kontrolle auftaucht. Zwar muss man Danquart zu gute halten, dass es während der Jubiläumstour keinen Dopingskandal gab und er keinen „investigativen Journalismus“ betreiben, sondern eine „Kinogeschichte“ erzählen wollte, in der es um Leiden, Leidenschaft und Freundschaft geht. Dennoch wirkt Höllentour heute wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit: Die sympathischen Helden Aldag und Zabel haben vor zwei Jahren Dopinggeständnisse abgelegt. Ihrem Teamkollegen Alexander Winokurow wurde ebenso wie Jan Ullrich, Lance Armstrong und dem im Film zum Übermenschen stilisierten Tyler Hamilton der Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen nachgewiesen. Das einst so glorreiche und mittlerweile aufgelöste Team Telekom steht heute nicht mehr nur für den steilen Aufstieg des deutschen Radsports, sondern auch für seinen jähen Fall. Aus den fast schon religiös verehrten epischen Helden von einst sind „hundsgewöhnliche Berufstätige“ geworden, wie es der Philosoph und passionierte Hobby-Radler Peter Sloterdijk in einem Spiegel-Interview formulierte. Höllentour ist womöglich ihr letztes filmisches Denkmal.

Höllentour. Deutschland 2003. Super 16mm. Regie: Pepe Danquart, Co-Regie: Werner Schweizer, Buch: Pepe Danquart, Bild: Wolfgang Thaler, Michael Hammon, Filip Zumbrunn, Ton: Erik Mischijew, Matz Müller, Musik: Till Brönner, Josef Bach, Arne Schumann, Schnitt: Mona Bräuer, Produzenten: Mirjam Quinte, Claudia Schröder, Werner Schweizer, Produktion: Quinte Film, Multimedia Film- und Fernsehproduktion, Dschoint Ventschr Filmproduktion mit WDR, Arte, Schweizer Fernsehen DRS, A.S.O. Amaury Sport Organisation.





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