Der Laudator: Über Ulrich Seidl
Der Filmregisseur, Autor und Produzent Ulrich Seidl, der seit 1998 mit Wolfgang Thaler zusammenarbeitet, ist 1952 in Wien geboren und wuchs in Horn (Waldviertel) auf. Nach der Schulzeit in katholischen Internaten und dem Abitur 1972 leistete er seinen Grundwehrdienst im österreichischen Bundesheer ab. Danach schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch und unternahm einige Reisen. An der Universität Wien belegte er die Fächer Publizistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Das „trockene Studium“, das er nach eigenem Bekunden „eher alibimäßig“ betrieb, sagte ihm jedoch nicht zu. 1978 begann der Filmbegeisterte ein Regiestudium an der Filmhochschule Wien, das er 1983 im Streit mit seinen Lehrern abbrach. Ulrich Seidl arbeitete zunächst für das österreichische Fernsehen (ORF), drehte Reportagen und Magazinbeiträge. 1990 erregte sein erster abendfüllender Dokumentarfilm Good News, eine ausgedehnte Recherche im Milieu der Wiener Zeitungsverkäufer, Aufsehen. Werner Herzog wurde auf ihn aufmerksam, förderte und unterstützte fortan seine Arbeit.
In den folgenden Jahren fand Ulrich Seidl zu den für ihn typischen Themen und Darstellungsweisen. Er erkundet intensiv und hartnäckig absonderliche Milieus, verdrängte Schauplätze und verborgene Bezirke der Gesellschaft: den florierenden Heiratsmarkt mit fernöstlichen Bräuten in Die letzten Männer (1994), die absurden Praktiken von Tierfetischisten in Tierische Liebe (1995) oder die vermeintlich glamouröse Welt der Laufstege in Models (1998). Tabubrüche und Grenzüberschreitungen scheut Ulrich Seidl in seinen Filmen nicht. Dem Zuschauer mutet er immer wieder befremdliche und schockierende Bilder zu, die aber alles andere als Distanz erzeugen sollen. Dazu erklärt Ulrich Seidl: „Ich versuche in meinen Filmen, einen ungeschönten Blick auf das Leben zu werfen, auf eine gesellschaftliche Welt zu schauen oder in private Bereiche vorzudringen, von denen wir alle wissen, dass sie so sind, wie sie sind. Die wir aber gern verdrängen, weil es unangenehm ist hinzuschauen. Ich versuche die Zuschauer zu verführen, auf eine Wirklichkeit zu schauen und sich damit zu konfrontieren, weil ich glaube, dass das letztlich uns alle betrifft, unsere Ängste und unsere Sehnsüchte.“ 2001 drehte Ulrich Seidl mit Hundstage seinen ersten Spielfilm, der aber ebenso wie seine letzte Produktion Import/Export (2007) zum Dokumentarischen hin changiert. Das Authentische wird mit der Fiktion vermischt, professionelle Schauspieler agieren neben Laien, die sich selbst spielen, erfundene Geschichten werden in realen Räumen angesiedelt. Ulrich Seidl arbeitet weitgehend ohne Drehbuch, erschließt die Dialoge gemeinsam mit den Akteuren, ist offen für die Improvisation und den Zufall, wartet, ganz im Stil eines Dokumentaristen, geduldig ab.
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