Blue Moon
Von Sarah Dinkel
In Blue Moon nimmt uns die österreichische Regisseurin Andrea Maria Dusl in ihrem ersten und bisher einzigen Spielfilm mit auf einen Roadtrip der besonderen Art. Während sich die Protagonisten konventioneller Roadmovies auf der Suche nach Freiheit und Identität grundsätzlich gen Westen orientieren, bricht Johnny Pichler in Blue Moon auf der Suche nach der großen Liebe, die wohl ähnlich selten wie das Naturphänomen des Blue Moon ist, gen Osten auf, der wahren Terra incognita der Gegenwart.
Alles beginnt auf einem verlassenen Parkplatz irgendwo in der österreichischen Provinz. Johnny Pichler, der seinen Lebensunterhalt als Geldkurier verdient, wird dort bereits von einem gereizten Balkan-Mafioso und seiner attraktiven Begleitung erwartet. Der dubiose Geschäftsmann fordert Johnny Pichler unter Androhung von Waffengewalt auf, in seinen Wagen einzusteigen und wird von seiner Begleitung, dem Callgirl Shirley, außer Gefecht gesetzt, die entgegen aller Erwartungen die Initiative ergreift und so das zunächst eindeutige Machtgefüge umkehrt. Johnny Pichler und Shirley fliehen daraufhin im Cadillac des Mafioso und beschließen, das Auto in der benachbarten Slowakei zu verkaufen. Johnny Pichlers Roadtrip in den unbekannten Osten beginnt als gemeinsame Flucht mit Shirley, deren eigene Geschichte aufs Engste mit der Sowjetunion und deren Niedergang verknüpft ist und die beinahe wie ein Sinnbild erscheint.
Die Bilder der DV-Kamera, die Johnny Pichler im Auto des Mafioso findet und an sich nimmt, bereichern den Film von nun an um eine weitere reizvolle visuelle Ebene. Sie dienen Johnny Pichler und Shirley, die keine gemeinsame Muttersprache haben, zudem als weiteres Ausdrucks- und Verständigungsmittel, als Medium der Erinnerung und der Selbstreflexion. Der Roadtrip Johnny Pichlers, der als Flucht zu zweit begann, wird schließlich zum einsamen Suchen, nachdem die mysteriöse Schöne plötzlich verschwunden ist. Diese Suche führt Johnny Pichler immer weiter in den Osten in Shirleys ukrainische Heimat bis nach Odessa, in die Stadt am Schwarzen Meer und bis zu jener gewaltigen, zum Hafen führenden Treppe, die Cineasten aus Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin bestens bekannt ist.
Die Tatsache, dass Dusl in Blue Moon konsequent auf die Verwendung von Untertiteln verzichtet, verstärkt zum einen den Authentizitätseindruck, zum anderen aber auch die Fokussierung der Erzählung auf die visuelle Ebene. Blue Moon zeichnet sich dadurch aus, dass die narrative Komplexität ihre genaue visuelle Entsprechung in der Umsetzung Wolfgang Thalers findet. Thaler, der sich zu Beginn seiner Karriere als Kameramann zunächst einen Namen im Dokumentarfilm machte, überschreitet in Blue Moon erneut die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation. Die von ihm fotografierten Bilder sind stets bewusst gestaltet und lassen dies auch erkennen. Sie wirken aber keineswegs kalt oder distanziert. Die Handkamera, die Thaler gezielt einsetzt, um den Bildern Leben einzuhauchen und den Eindruck einer dokumentarischen Unmittelbarkeit zu erwecken, insbesondere natürlich in den digitalen Video-Sequenzen, ist stets nah am Geschehen und den Akteuren, ohne dabei aufdringlich oder unprofessionell zu wirken, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass sie außerordentlich ruhig geführt wird.
Wolfgang Thaler gelingt es in Blue Moon auf eindrucksvolle Weise, das verwirrende Nebeneinander von Altem und Neuem im postkommunistischen Ost-Europa eine Dekade nach dem Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus im filmischen Bild einzufangen. Thalers Bildkreationen wechseln dabei selbst stets zwischen einem beobachtend-dokumentarischen, fast beiläufig wirkenden Kameraduktus und höchst artifiziellen Bildern, die einen Symbolcharakter gewinnen.
Blue Moon. Österreich 2002. 35mm. Buch und Regie: Andrea Maria Dusl, Bild: Wolfgang Thaler, Kameraassistenz: Matias Lackner, Verena Lobisser, Ton: Ekkehart Baumung, Eckhart Goebel, Musik: Christian Fennesz, Peter Dusl und Yuri Naumov, Schnitt: Karina Ressler und Andrea Wagner, Produzenten: Erich Lackner, Klaus Pridnig, Produktion: Lotus Film. Darsteller: Josef Hader, Victoria Malektorovych, Detlev Buck.
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