Ameisen – Die heimliche Weltmacht
Von Ina Hampel
Im Off-Kommentar heißt es: „Als Gärtner und Landwirte bilden sie Allianzen mit Pflanzen und Pilzen, als Hirten sogar mit anderen Tierarten. Vor allem aber kooperieren sie miteinander. Auf den ersten Blick scheinen die Bewegungen unkoordiniert, chaotisch. Aber diese tausende, manchmal Millionen Einzelwesen folgen alle demselben Prinzip: Ob sie nun Heilpflanzen ernten oder ihre Herden über saftiges Grün treiben, ob sie übermächtige Gegner attackieren oder Millionenmetropolen mit Klimaanlagen bauen, immer steckt dahinter die Kraft des Kollektivs – wo das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das macht sie zur wahren Weltmacht der Natur.“ – Eine oft übersehene und vor allem unterschätzte Weltmacht: die Ameisen. Nur wenn man sich Zeit nimmt und in die natürliche Umgebung dieser teils winzigen, teils überraschend großen Insekten eindringt, kann man die Faszination Wolfgang Thalers für diese fremdartigen Wesen verstehen.
Thalers Blick für verborgene Welten nimmt den Zuschauer mit in den indonesischen Dschungel, in die Grassteppen Argentiniens und in die heimatlichen Waldgebiete. Seine Kamera führt uns detailliert an die in Sozialstaaten lebenden Insekten heran, die sich unter der Erde oder auf Bäumen, vor allem aber immer in Bewegung befinden. Mittels hochauflösender High-Definition-Technologie werden dem Zuschauer Bilder präsentiert, die sonst für das menschliche Auge unsichtbar bleiben. Die Dimensionen verschieben sich und geben somit Geheimnisse preis. Thaler zeigt uns die verborgene Schönheit dieser Mikrowelt: den im Sonnenlicht bernsteinfarben leuchtenden Chitinkörper einer Rattanameise oder das präzise und kraftvolle Beißwerkzeug einer Grassschneiderameise.
Kontrastiert werden diese Aufnahmen durch steril wirkende, aber zugleich faszinierende Labor-Einblicke in den Wissenschaftsalltag des Ameisenforschers Bert Hölldobler. Eine riesige gläserne Ameisenstadt, die eigens für diesen Film gebaut wurde, erlaubt es der Kamera in ihrem Beobachtungsmodus, den lebenswichtigen Kommunikations- und Funktionsmechanismen der Sechsbeiner auf den Grund zu gehen. Immer wieder verliert sich der Blick des Zuschauers dabei im kollektiven Bewegungsfluss der Insekten; andererseits wird er aber auch auf das Individuum, dessen Einzeldasein und Leistungsvermögen gelenkt. Der Körperbau einer Ameise erlaubt ihr, Gewichte zu transportieren, die ihr eigenes um das Hundertfache übersteigen. Einige Arten halten einer 34-fachen Erdbeschleunigung stand, wieder andere können bis zu vier Minuten unter Wasser überleben und sich schwimmend fortbewegen.
Als Gewinner des Special Jury Awards beim Jackson Hole Wildlife Film Festival überzeugte der Film durch den Einsatz neuartiger Filmtechnik und der Dokumentation einzigartiger Forschungsarbeit. Beim Ausgraben einer natürlichen Ameisenstadt in der sandigen Steppe Argentiniens werden die Wissenschaftler selbst zu winzigen Figuren in einem unterirdischen Labyrinth. Röhren, Pilzgärten und Klimakammern wurden von einer Ameisenkolonie acht Meter tief und über ein Gebiet von 50 Quadratmetern in die Erde gegraben – ein logistisches Meisterwerk. Mit der Entschlüsselung ihrer Geheimnisse werden die Ameisen zum Vorbild des Menschen. Softwareentwickler und Wirtschaftswissenschaftler imitieren ihre Bauweise ebenso wie ihre Kommunikationsprozesse. Diese von den Bienen abstammenden Insekten leben seit Millionen Jahren allgegenwärtig auf unserem Planeten in Form kollektiver Superorganismen, die sich beständig regenerieren und weiterentwickeln. Ihr erfolgreiches Überleben beruht auf Allianzen mit anderen Tieren und flexibler Kräfteorganisation, bei der jedes Individuum sein eigenes Leben in den Dienst der Königin und ihres Staates stellt. Alle Ameisen zusammen bilden eine Weltmacht, die in einem Jahr mehr Tiere konsumiert, als alle anderen Fleischfresser zusammen. Auch dies erfährt man in diesem spannenden Film.
Ameisen – Die Heimliche Weltmacht. Österreich, 2005. HDTV. Idee: Jadwiga Thaler, Buch, Regie und Bild: Wolfgang Thaler, Ton: Wolfgang Setik, Musik: Alexander Kukelka, Schnitt: Martin Seiter, Text: Martin Mészáros, Sprecher: Otto Clemens u.a., Produzenten: Peter Mayer, Philip Morawietz, Gerlinde Semper, Christopher Stallybrass, Produktion: Adi Mayer Film, ORF.
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