| Der
weltweit führende Atomkraftwerkshersteller Framatome ANP, eine
Beteiligungsgesellschaft der Siemens AG, drängt Finnland zwei angeblich
super-sichere Reaktortypen auf. Die vorläufige Sicherheitsbeurteilung
der finnischen Genehmigungsbehörde ergab allerdings, dass keiner der
untersuchten Reaktoren den erforderlichen Sicherheitsbestimmungen
entspricht. "Zündkerzen" können gefährliche Wasserstoffexplosionen
herbeiführen - wie vor wenigen Monaten im deutschen Siemens-Reaktor
Brunsbüttel geschehen.
Mit knapper Mehrheit billigte das
finnische Parlament im Mai diesen Jahres den Bau eines fünften
Reaktorblocks in Finnland. Das Atomkraftwerk soll eine thermische
Leistung von bis zu 4.300 Megawatt haben. Die elektrische Leistung soll
zwischen 1000 und 1600 Megawatt liegen. Nach Angaben der
Siemens-Tochter Framatome ANP ist vor Ablauf des Jahres 2002 mit der
Ausschreibung durch den finnischen Atomkraftwerksbetreiber TVO zu
rechnen. Die Auftragsvergabe wird bis Ende des Jahres 2003 erwartet.
Bis zu diesem Zeitpunkt soll auch der Standort feststehen. Vor
Baubeginn ist das atomrechtliche Genehmigungsverfahren zu durchlaufen,
für das etwa zwei Jahre anzusetzen sind.
Im Jahre 2005 soll
mit dem Bau des Atomkraftwerks begonnen werden. Mit der Fertigstellung
wird offiziell bis zum Jahr 2010 gerechnet.
Es bleibt also
noch Zeit, den Bau zu verhindern. Beispielsweise durch das Herbeiführen
von Image-Schäden bei Siemens im Rahmen des Siemens-Boykotts. Siemens
sollte sich noch rechtzeitig von dem Projekt verabschieden.
Vernichtendes Zeugnis Die
Beteiligungsgesellschaft von Siemens, Framatome ANP, versucht den
Finnen zwei neue Reaktorentwicklungen schmackhaft zu machen: zum einen
den sogenannten "Europäischen Druckwasser-Reaktor (EPR)", zum anderen
einen Siedewasserreaktor mit der Bezeichnung "SWR-1000". Beides sind
lediglich Weiterentwicklungen von bestehenden Druck- bzw.
Siedewasserreaktor-Konzepten, werden aber dennoch als super-sichere
neue
Reaktorentwicklungen angepriesen. Die
finnische Genehmigungsbehörde STUK hat im Auftrag des finnischen
Wirtschaftsministeriums eine vorläufige Sicherheitsbeurteilung
vorgenommen. Ergebnis: keiner der untersuchten Reaktortypen entspricht
den erforderlichen Sicherheitsbestimmungen. Ein vernichtendes Zeugnis
für angeblich super-sichere Reaktorneuentwicklungen aus dem Hause
Siemens.
Großreaktor statt "inhärente Sicherheit" Der
"Europäische Druckwasserreaktor (EPR)" wurde in den 90er Jahren von
Siemens und der französischen Firma Framatome entwickelt (der Name der
einstigen Holding, Framatome, wurde inzwischen für die
deutsch-französische Tochtergesellschaft übernommen). Der EPR war
eine Antwort von Siemens auf die "Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke
- Phase B", in der allen derzeit in Deutschland betriebenen
Atomkraftwerken ein erhebliches Super-GAU-Risiko mit massiven
radioaktiven Freisetzungen bescheinigt wurde.
Siemens
versprach damals einen sogenannt "inhärent sicheren" Reaktor, bei dem
die gefürchtete Kernschmelze durch die Art der Konstruktion und die
geringe Leistung konstruktiv ausgeschlossen sein sollte. Doch mit der
Entwicklung des EPR wurde das Gegenteil praktiziert: Der neue
Super-Reaktor wurde für die gewaltige elektrische Leistung um 1.500
Megawatt konzipiert - mit einem entsprechend gigantischen radioaktiven
Inventar.
Diese allein aus wirtschaftlichen Gründen
vorgenommene Leistungssteigerung gegenüber bisherigen Reaktoren, wurde
vom Öko-Institut 1999 in einem Gutachten für das Europäische Parlament
heftig kritisiert. Das - inzwischen als moderat atomskeptisch
einzustufende und von Gutachteraufträgen aus Regierung und Industrie
abhängige - Institut fragt, ob wirtschaftliche Erwägungen oder die
Sicherheit ausschlaggebend für die Konzeption von Atomkraftwerken sein
soll.
Im Laufe der EPR-Entwicklung seien zahlreiche
"bemerkenswerte Änderungen" vorgenommen worden, um die
Konkurrenzfähigkeit gegenüber fossilen Großkraftwerken zu erhöhen,
schreibt das Öko-Institut.
Ungelöste Sicherheitsprobleme Da
eine Kernschmelze bei dem Großreaktor konstruktiv nicht ausgeschlossen
werden kann, bestand die zentrale sicherheitstechnische Zielsetzung
darin, die Kernschmelze im Notfall aufzufangen und zu stabilisieren.
Der abstürzende, mehrere hundert Tonnen schwere und 3000 Grad heiße
Kern soll sich in einem weitläufigen Keramikbecken ergießen, ein
darüber angeordnetes Wasserbassin soll die Schmelze kühlen und
stabilisieren.
Auf einem "EPR-Workshop" der
schleswig-holsteinischen Landesregierung in Kiel im Jahre 1999 wurde
ausführlich über laufende Experimente zur Kühlung von Metallschmelzen
berichtet. Es zeigte sich, dass das Aufeinandertreffen der heißen
Schmelze mit dem Kühlwasser zu heftigsten Explosionen führen kann.
Mindestens einmal führten die Experimente zur Zerstörung einer
Versuchsanlage. Es zeigte sich, dass die Sprengkraft selbst für den
angedachten Sicherheitsbehälter aus doppelwandigem Stahlbeton zu groß
wäre.
Der für die EPR-Entwicklung zuständige
Siemens/Framatome-Manager Ulrich Fischer musste auf dem Workshop
einräumen, dass man dieses zentrale sicherheitstechnische Problem noch
nicht gelöst hat.
Dennoch wird den Finnen mit dem EPR ein
Atommeiler angeboten, für dessen zentrales Sicherheitssystem ein
akzeptabler Nachweis nicht erbracht werden kann. Wasserstoffexplosionen
Am
14. Dezember 2001 war im deutschen Atomkraftwerk Brunsbüttel in
unmittelbarer Nähe des Reaktorkerns drei Meter einer Rohrleitung durch
eine Wasserstoffexplosion zerfetzt worden. Es hätte leicht zum
Super-GAU kommen können. Die Atomindustrie kann bislang nicht erklären,
wie der Wasserstoff im "Normalbetrieb" in dieser Menge an dieser Stelle
entstehen konnte.
Im Falle einer Kernschmelze zählen
Wasserstoffexplosionen zu den größten Gefahrenquellen für eine
Zerstörung des Reaktors. Wasserstoff kann bei einer Kernschmelze in
großer Menge entstehen, wie die Atomindustrie offenbar erst seit dem
Unfall im US-amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburg im Jahre 1979
weiß.
Das nicht mehr wegzudiskutierende Problem möglicher
Wasserstoffexplosionen brachte die Siemens-Ingenieure bei der
Entwicklung des EPR auf eine Idee, die das Öko-Institut - laut früherer
Stellungnahmen - für besonders abwegig hält: "Zündkerzen" sollen den
entstehenden Wasserstoff frühzeitig verbrennen, bevor große Mengen des
Gases entstehen, die den gesamten Atommeiler zerstören könnten. Das
Institut vermutet, dass diese Zündkerzen wohl die sicherste Art sind,
um den Sicherheitsbehälter des Reaktors zum frühestmöglichen Zeitpunkt
gezielt zu zerstören und Radioaktivität freizusetzen.
Grundlegende Defizite Nach
Auffassung des Öko-Instituts können die vorgeschlagenen Maßnahmen "die
grundlegenden Defizite der vorhandenen Anlagen nicht beseitigen." Bis
1999 lag keine detaillierte Veröffentlichung von unabhängiger Seite
vor, in der das Unfallrisiko des EPR abgeschätzt wurde. Dass der
EPR keinen Quantensprung in der Reaktorsicherheit bedeutet, gestand
aber ohnehin Siemens-Atommanager Adolf Hüttl bereits im Rahmen der
ersten Energiekonsensgespräche im Jahre 1993 indirekt ein. Er gab zu,
dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze gegenüber heutigen
Reaktoren nicht verringert. 1989 hatte er schon verlangt, dass die
Sicherheitsanforderungen an den neuen Reaktor nicht zu hoch geschraubt
werden sollten. Schließlich kostet Sicherheit jede Menge Geld.
SWR-1000: erst klein und passiv � Auch
beim zweite Reaktortyp, der den Finnen angepriesen wird, wurde im Laufe
seiner Entwicklung nach Wirtschaftlichkeitsberechnungen an der
Sicherheit gespart. Der Siedewasserreaktor SWR-1000 wurde seit 1992 im
Auftrag der Atomkraftwerksbetreiber RWE und E.ON (damals Veba und Viag)
entwickelt, die die Entwicklungskosten an die Stromkunden abwälzen
konnten.
Der neue Reaktortyp galt aufgrund seiner teilweise
passiv wirkenden Sicherheitssysteme als "revolutionäres" oder auch
"innovatives" Reaktorkonzept. Ursprünglich sollte der als SWR-600
bezeichnete Reaktor aus Sicherheitsgründen eine vergleichsweise geringe
elektrische Leistung von 780 Megawatt haben.
Das "innovative"
Reaktorkonzept sah im Gegensatz zu den heutigen Atomreaktoren zudem
eine Reihe passiv wirkender Sicherheitssysteme vor. Passive
Sicherheitssysteme werden von Reaktorsicherheitsexperten gegenüber
aktiven Systemen seit langem favorisiert, weil sie beispielsweise nicht
darauf angewiesen sind, dass die Notstromversorgung auch tatsächlich
funktioniert.
Im Gegensatz zu aktiven Systemen erfüllen
passive Systeme ihre Funktion meist ohne bewegliche Teile und ohne
leittechnische Auslösung und immer ohne Fremdenergieversorgung. Sie
nutzen vom Prinzip her einfache physikalische Gesetzmäßigkeiten wie
Wasserablauf durch Schwerkraft oder Wärmeübertragung von höherer zu
niedriger Temperatur. Als passives System war beim SWR-600 auch ein
Kühlmittelnaturumlauf vorgesehen.
� dann groß und aktiv Erste
Abschätzungen der zu erwartenden Stromerzeugungskosten zeigten 1993
allerdings Wettbewerbsnachteile gegenüber größeren Atomanlagen und
fossil befeuerten Kraftwerken. "Deshalb", so Siemens-Ingenieur Werner
Brettschuh in der Zeitschrift atomwirtschaft (4/96), "wurde das Konzept
modifiziert".
Es wurden Abstriche an der ursprünglichen
Sicherheitskonzeption vorgenommen: die elektrische Leistung wurde auf
rund 1000 Megawatt erhöht und dem anfälligen Kühlmittelzwangsumlauf
durch elektrische Pumpen wurde der Vorzug gegenüber dem Naturumlauf
gegeben.
Von vornherein waren auch die für die
Reaktorabschaltung so wichtigen Steuerstäbe als aktives System
ausgelegt; sie werden wie in den bestehenden Atomkraftwerken durch
elektromotorische Antriebe bedient und sind daher auf Fremdenergie
angewiesen, die im Notfall möglicherweise nicht zur Verfügung steht.
Wie
stark sich Siemens bei Sicherheitssystemen letztlich von Kostengründen
leiten lässt, ergibt sich auch aus folgender Aussage des Atomtechnikers
Brettschuh: "Passive Systeme sind gegenüber aktiven vorzuziehen, wenn
sie sicherheitstechnisch vorteilhaft und wirtschaftlich vertretbar
sind."
20.000 störanfällige Armaturen Ohnehin
sagen die Typbezeichnungen wie EPR und SWR-1000 nur wenig darüber aus,
welches Sicherheitsniveau im konkreten Fall tatsächlich realisiert
werden wird. Je billiger ein Atommeiler angeboten werden muss, desto
stärker wird an der Sicherheit gespart.
Der finnische
Atomkraftwerksbetreiber TVO gab die geplanten Kosten für das
Atomkraftwerk mit 1,7 bis 2,5 Milliarden Euro an. Das ist keine allzu
üppige Finanzausstattung. Schon die vor über 10 Jahren in Deutschland
ans Netz gegangenen Atomkraftwerke haben weitaus mehr gekostet. Und die
Kosten eines EPR liegen laut atomwirtschaft (12/95) über denen eines
derartigen Konvoi-Reaktors.
Der EPR soll nach Angaben von
Siemens aus rund 300.000 untereinander vielfach verknüpften
Anlagenteilen bestehen. Computer müssen in rund 850.000 Quadratmeter
umbautem Raum 17.000 Rohrstränge mit einer Länge von 150.000 m und
30.000 Halterungen, 20.000 Armaturen, 1.000 verfahrenstechnische
Apparate bzw. Aggregate und 5.000 elektrische Verbraucher koordinieren.
Da gibt es unzählige Möglichkeiten, "unauffällig" an der Sicherheit zu
sparen. In den Pressemitteilungen wird es auch dann noch heißen, man
errichte in Finnland einen super-sicheren EPR, wenn aus Kostengründen
auf einen Großteil der ursprünglich vorgesehenen sicherheitstechnischen
Verbesserungen verzichtet wird. Hauptsache, es gibt ein Keramikbecken
und Zündkerzen.
Henrik Paulitz |