| Angesichts
der Planungen in Frankreich und in Finnland für den Bau neuer
Atomkraftwerke vom Typ "Europäischer Druckwasser-Reaktor" legte die
IPPNW am 9. Dezember 2003 eine Expertise zu den Sicherheitsdefiziten
des von Siemens und Framatome (AREVA) entwickelten Reaktors vor. Nach
der Expertise, stellt der geplante Einsatz digitaler Leittechnik vor
dem Hintergrund eines Störfalls in Deutschland ein "gefährliches
Großexperiment mit einer unausgereiften Steuerungstechnik" dar. Der
Einsatz vornehmlich "aktiver" statt "passiver" Sicherheitssysteme und
die gewaltige Leistung von 1600 Megawatt entspricht nicht dem Stand der
sicherheitstechnischen Diskussion. Der Verzicht auf einen
"kernschmelzfesten Sicherheitsbehälter" dokumentiert das Prinzip
Kostensparen statt Risikovorsorge. Die IPPNW warnt, dass gerade die
zentrale sicherheitstechnische Neuerung, das Auffangbecken für die
Kernschmelze, zur Zerstörung des neuen "Superreaktors" durch
Dampfexplosionen führen kann.
1. Einführung
In der
zweiten Hälfte des Jahre 2003 zeichnete sich ab, dass es sowohl in
Finnland als auch in Frankreich konkrete Pläne für den Bau neuer
Atomkraftwerke vom Typ "Europäischer Druckwasser-Reaktor (EPR)" gibt.
Der Europäische Druckwasser-Reaktor wurde seit 1993 von dem
deutsch-französischen Joint-Venture Nuclear Power International (NPI),
einer Beteiligungsgesellschaft des deutschen Atomkonzerns Siemens und
des französischen Atomkonzerns Framatome, entwickelt. Im Zuge der
vollständigen Zusammenlegung des Atomgeschäfts von Siemens und
Framatome zum 1. Januar 2001 und der Neustrukturierung der
Beteiligungsverhältnisse auf französischer Seite wurde die in Paris
ansässige Framatome ANP als der weltweit führende
Atomkraftwerkshersteller gegründet. Siemens ist an dieser Gesellschaft
mit 34 Prozent beteiligt. Die übrigen 66 Prozent werden von der neuen
französischen Führungsgesellschaft AREVA gehalten.
Neben dem
Stammsitz in Paris hat Framatome ANP Tochtergesellschaften in den USA
und in Deutschland. Die deutsche Framatome ANP GmbH mit Sitz in
Erlangen führt im wesentlichen die Atomgeschäfte des
Siemens-Geschäftsbereichs Energieerzeugung/KWU fort.
Mit
knapper Mehrheit billigte das finnische Parlament im Mai 2002 den Bau
eines fünften Reaktorblocks in Finnland. Am 16. Oktober 2003 wurde
Framatome ANP vom finnischen Atomkraftwerksbetreiber TVO zum
�bevorzugten Anbieter� und der Europäische Druckwasser-Reaktor zum
gewünschten Reaktortyp für den geplanten fünften Atomreaktor des Landes
ausgewählt. Als Standort wurde Olkiluoto an der finnischen Westküste
ausgewählt, wo bereits zwei Atomkraftwerksblöcke betrieben werden.
Von
der derzeitigen finnischen Regierung wird der Atomkraftwerks-Neubau
kritisch gesehen. Doch angesichts der (knappen) Parlamentsentscheidung
aus dem Jahre 2002 hat sich die Regierung offenbar dazu entschlossen,
den Atomkraftwerksbau zu fördern und zu genehmigen.
Mit dieser
Entscheidung war die weitere, von Framatome ANP angebotene
Reaktorneuentwicklung von Siemens, dem neuen Siedewasserreaktor mit der
Bezeichnung �SWR-1000� aus dem Rennen. Aus welchen Gründen auch immer,
war somit ein Reaktortyp unterlegen, der wesentlich konsequenter auf so
genannte passive Sicherheitssysteme setzt als der Europäische
Druckwasserreaktor.
Auch die französische
Atomkraftwerksbetreiber Electricité de France (EdF) hat sich
offensichtlich auf den Neubau eines Atomkraftwerks vom Typ Europäischer
Druckwasser-Reaktor festgelegt. Die französische Regierung unterstützt
das Vorhaben. Die Standortfrage ist in Frankreich allerdings noch
offen.
Bezüglich des Atomkraftwerks-Neubaus in Frankreich wird
über eine mögliche Beteiligung der deutschen Atomkraftwerksbetreiber
verhandelt.
Die Entwicklungskosten des EPR wurden Großteils
nicht von Siemens und Framatome getragen, sondern von den deutschen und
dem französischen Betreiber. Auf diese Weise konnten die Kosten für die
Entwicklung des neuen Atomreaktors auf die normalen Haushaltskosten
abgewälzt werden, obwohl zumindest die deutschen Haushaltskunden
mehrheitlich den Bau neuer Atomkraftwerke ablehnen.
2. Beurteilungen des Sicherheitsstandards des EPR
Nach
Darstellung des für die Entwicklung des EPR zuständigen Managers von
Siemens/Framatome Ulrich Fischer, wurde für den EPR eine neue
Sicherheitsphilosophie entwickelt, wobei es sich � unter dem
Gesichtspunkt möglichst niedriger Stromerzeugungskosten � um ein
�ausgewogenes Konzept� handeln soll [Fischer 1997, S. 40]:
�Statt dessen wurde die gesamte Sicherheitsphilosophie neu definiert, um ein neues, ausgewogenes Konzept zu entwickeln.�
Bereits
diese Darstellung macht deutlich, dass die Sicherheit bei der
Reaktorentwicklung nicht an oberster Stelle stand. Vielmehr ging es
auch darum, im etwas stärker liberalisierten Strommarkt Europas die
Stromerzeugungskosten einigermaßen begrenzt zu halten.
Der EPR
war nicht zuletzt auch eine Antwort von Siemens auf die �Deutsche
Risikostudie Kernkraftwerke � Phase B�, in der allen derzeit in
Deutschland betriebenen Atomkraftwerken ein erhebliches
Super-GAU-Risiko mit massiven radioaktiven Freisetzungen bescheinigt
wurde.
Der EPR stellt konzeptionell eine Zusammenführung und
eine moderate Weiterentwicklung der technischen und
sicherheitstechnischen Ansätze der deutschen Konvoi-Anlagen und der
französischen Baureihe N4 dar.
Es handelt sich um eine
sogenannte �evolutionäre� Weiterentwicklung der bisherigen
Reaktortechnik und nicht um so genannte �verstärkt passive� oder
�revolutionäre� Reaktorkonzepte. Bei der von anderen Reaktorherstellen
in Ansätzen erfolgte Entwicklung verstärkt passiver (z.B. der
Druckwasserreaktor AP600) bzw. revolutionärer Reaktorkonzepte (z.B.
PIUS) steht konsequent die Optimierung der Sicherheit im Vordergrund.
Diese
Reaktorkonzepte gehen in ihren sicherheitstechnischen Anforderungen
weit über die des Europäischen Druckwasserreaktors hinaus. Sie sehen
weitaus geringere Leistungsgrößen, weitgehend passive
Sicherheitsfunktionen, eine automatisierte Störfallbeherrschung ohne
Eingriffe des Bedienungspersonals und ähnliches vor [Hahn 1997, S.
10f.].
�Die meisten der Ansätze, die hierzu gezählt werden,
zielen auf einen Ausschluss von Unfällen mit katastrophalen
Freisetzungen von Spaltprodukten ab und darauf, dass dieses Ziel ohne
aktive Komponenten und ohne Eingriffe des Bedienungspersonals erreicht
werden kann. D.h. unter dem Begriff �revolutionär� werden i.a.
diejenigen Konzepte geführt, die in der Definition von Alvin Weinberg
als �inhärent sicher� bezeichnet wurden.�
Nicht so beim EPR.
Allein die gewaltige elektrische Leistung von rund 1600 Megawatt
demonstriert die Dominanz wirtschaftlicher Erwägungen bei diesem
Reaktortyp. Diese Leistungssteigerung gegenüber bisherigen Reaktoren
wurde vom Öko-Institut 1999 in einem Gutachten für das Europäische
Parlament heftig kritisiert. Das Institut fragt, ob wirtschaftliche
Erwägungen oder die Sicherheit ausschlaggebend für die Konzeption von
Atomkraftwerken sein soll.
Im Laufe der EPR-Entwicklung seien
zahlreiche �bemerkenswerte Änderungen� vorgenommen worden, um die
Konkurrenzfähigkeit gegenüber fossilen Großkraftwerken zu erhöhen,
schreibt das Öko-Institut.
Bemerkenswert war auch die
vorläufige Sicherheitsbeurteilung des EPR durch die finnische
Genehmigungsbehörde STUK im Auftrag des finnischen
Wirtschaftsministeriums. Nach dieser Bewertung entsprach der ERP � wie
auch die konkurrierenden Reaktortypen � nicht den erforderlichen
Sicherheitsbestimmungen Finnlands. Ein vernichtendes Zeugnis für die
angeblich super-sichere Reaktorneuentwicklungen aus dem Hause Siemens
und Framatome.
Bemerkenswert ist auch die eigene Bewertung im
Hause Siemens. So räumte schon Siemens-Manager Adolf Hüttl im Jahre
1993 im Rahmen der ersten Energiekonsensgespräche indirekt ein, dass
der EPR keinen Quantensprung in der Reaktorsicherheit bedeute. Er gab
zu, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze gegenüber
heutigen Reaktoren nicht verringert. 1989 hatte er schon verlangt, dass
die Sicherheitsanforderungen an den neuen Reaktor nicht zu hoch
geschraubt werden sollten. Schließlich koste Sicherheit jede Menge
Geld.
Doch selbst die von Siemens und Framatome definierten,
reduzierten Sicherheitsanforderungen konnten nach eigener Darstellung
im Jahre 1997 noch nicht gewährleistet werden. Der für die Entwicklung
des Europäischen Druckwasserreaktors zuständige Manager Ulrich Fischer
(Nuclear Power International) äußerte sich auf dem EPR-Workshop der
Schleswig-Holsteinischen Landesregierung im Jahre 1997 in Kiel
dahingehend, dass sich der Reaktor noch in Entwicklung befände und
zentrale sicherheitstechnische Probleme noch nicht gelöst seien .
Hierbei
ging es insbesondere um die Schwierigkeiten der Kühlung einer
Kernschmelze. Es wurde zwischenzeitlich nichts darüber bekannt, dass
diese technischen Schwierigkeiten inzwischen behoben werden konnten.
Dennoch soll der Reaktor in Frankreich und in Finnland gebaut werden.
3. Der Einsatz digitaler Leittechnik stellt ein gefährliches Großexperiment mit einer unausgereiften Steuerungstechnik dar
Der
Europäische Druckwasserreaktor soll nach Angaben von Siemens aus rund
300.000 untereinander vielfach verknüpften Anlagenteilen bestehen.
Computer
müssen in rund 850.000 m3 umbautem Raum 17.000 Rohrstränge mit einer
Länge von 150.000 m und 30.000 Halterungen, 20.000 Armaturen, 1000
verfahrenstechnische Apparate bzw. Aggregate und 5000 elektrische
Verbraucher koordinieren.
Angesichts dieser Komplexität können Fehlfunktionen und schwere Unfälle nicht ausgeschlossen werden.
Mit diesem hochkomplexen Grunddesign weicht der EPR gravierend von den heutigen Anforderungen an neue Reaktorkonzepte ab.
Die
Steuerung des EPR � einschließlich des Reaktorschutzsystems � erfolgt
auf der Basis digitaler Leittechnik. Der EPR stellt insofern eine
systematische Abkehr von der festverdrahteten, analogen Leittechnik
dar.
Wie gefährlich der Einsatz digitaler Leittechnik sein
kann, macht ein Ereignis am 10. Mai 2000 im deutschen Atomkraftwerk
Neckarwestheim-1 deutlich. In Neckarwestheim-1 waren 1998 erhebliche
Teile der Steuerungstechnik von einer festverdrahteten auf die digitale
Siemens-Sicherheitsleittechnik �TELEPERM XS� umgerüstet worden.
Diese
Umrüstung auf die digitale Siemens-Leittechnik führte dazu, dass am 10.
Mai 2000 für kurze Zeit die zentrale Sicherheitseinrichtung des
Atomkraftwerks ausfiel: Der für die Reaktorschnellabschaltung
erforderliche Einfall der Steuerstäbe in den Reaktorkern war blockiert
[RSK 2000].
Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS)
machte die �Komplexität des Systems� maßgeblich verantwortlich für
diese Fehlfunktion [RSK 2000].
In der Stellungnahme der
Reaktorsicherheitskommission (RSK) heißt es, dass �die an der Störung
beteiligten Funktionen� ausschließlich in der
Siemens-Sicherheitsleittechnik TELEPERM XS aufgebaut sind. Die RSK hält
es für erforderlich, die Betriebserfahrungen mit der neuen, digitalen
Leittechnik kritisch zu beobachten [RSK 2000]:
�Die RSK beabsichtigt, die Betriebserfahrungen mit digitaler Leittechnik zyklisch zu beraten.�
Was
also modern und zweifellos nach einem Zuwachs an Sicherheit klingt,
nämlich der Einsatz von digitaler Leittechnik bzw.
Sicherheitsleittechnik, entpuppt sich in Wirklichkeit als neues
Sicherheitsrisiko für den Betrieb von Atomkraftwerken.
Es
liegt für jeden, dem schon einmal der Computer abgestürzt ist, auf der
Hand, dass der Einsatz einer solchen Technik in einem Atomkraftwerk
gefährlich sein kann. Jede/r, die/der schon einmal ein einfaches Script
programmiert hat, weiß, dass schon bei der Verknüpfung weniger
Funktionen, zunächst Fehler auftreten, die sich jedoch beseitigen
lassen. Doch selbst wenn das Programm unter Umständen monate? oder
jahrelang reibungslos läuft und mit einer gewissen Berechtigung
Fehlerlosigkeit angenommen werden darf, kann durch nicht vorausgesehene
Umstände das vermeintlich fehlergeprüfte Programm plötzlich versagen .
So
war es auch in Neckarwestheim-1. Vor der Einführung der digitalen
Leittechnik fanden umfangreiche Prüfungen statt [RSK 2000]:
�
[Der TÜV] erläuterte dem RSK-Ausschuss die durchgeführten Prüfungen bei
der Planung, Herstellung und Einbringung von TXS [TELEPERM XS]
ausgehend von der Machbarkeitsstudie, Genehmigungsantrag bis zu den
Prüfungen im Prüffeld, im Testbett, auf der Anlage vor und während der
Inbetriebsetzung und beim Betrieb der Anlage sowie den parallel dazu
durchgeführten anlagenunabhängigen Typprüfungen der Hard? und Software
und dem anlagenunabhängigen Systemtest.�
Doch trotz dieser
umfangreichen Prüfungen kam es in Neckarwestheim-1 am 10. Mai 2000 zum
Ausfall des wichtigsten Sicherheitssystems. In Neckarwestheim-1 stand �
wie die RSK feststellte � immerhin noch die alte, analoge
Sicherheitstechnik zur Verfügung [RSK 2000]:
�Im
Anforderungsfall wäre die automatische Reaktorschnellabschaltung über
das autarke, festverdrahtete Reaktorschutzsystem erfolgt.�
Die
Steuerung des Europäischen Druckwasser-Reaktors soll hingegen
grundsätzlich auf digitaler Leittechnik bzw. digitaler
Sicherheitsleittechnik basieren. Mit dieser digitalen Leittechnik
sollen 300.000 untereinander vielfach verknüpfte Anlagenteilen sicher
gesteuert werden.
Vor dem Hintergrund des Ereignisses in
Neckarwestheim-1 stellt sich der Bau eines EPR und die vollständige
Abstützung auf digitale Sicherheitsleittechnik insofern als ein
gefährliches und nicht zu verantwortendes Grossexperiment dar.
4. Der EPR verfügt überwiegend über störanfällige "aktive" statt über "passive" Sicherheitssysteme
Fast
alle neueren Reaktorkonzepte setzen auf den verstärkten Einsatz
"passiver" Sicherheitsfunktionen (u.a. Druckwasserreaktor AP 600 von
Westinghouse, ein russisches WWER-Konzept, das Projekt MS-600 von
Mitsubishi, der SBWR von General Electric, ein
Schwerwasserreaktorkonzept nach dem kanadischen CANDU-Prinzip, der
SWR-1000 von Siemens/Framatome) [Hahn 1997, S. 11f.].
Passiv
wirkende Sicherheitseinrichtungen funktionieren nach den Prinzipien
einfacher Naturgesetze wie Schwerkraft und Wärmeübertragung. Sie
erfordern keine Fremdenergie wie Strom und arbeiten beispielsweise
nicht mit Motoren, die versagen können. Häufig nutzen sie interne,
gespeicherte Energie und spezifische Materialeigenschaften .
Die
Sicherheitssysteme des EPR sind hingegen überwiegend als so genannte
�aktive� Systeme auf Fremdenergie (meist Strom) angewiesen. Fällt der
Strom � aus welchen Gründen auch immer � aus oder kommt es zu
menschlichen Fehlhandlungen, dann versagen die Sicherheitssysteme.
Der Europäische Druckwasser-Reaktor genügt insofern nicht den heutigen Anforderungen an Sicherheitssysteme.
5. Beim EPR ist aufgrund der gewaltigen Leistung ein Kernschmelzunfall nicht auszuschließen
Fast
alle neueren Reaktorkonzepte setzen aus Sicherheitsgründen auf eine
deutliche Reduktion der Leistung und der Leistungsdichte. Bei den
meisten der �verstärkt passiven� oder �revolutionären� Reaktorkonzepte
wurde die Leistungsdichte reduziert und die elektrische Leistung liegt
meist bei maximal 600 Megawatt [Hahn 1997, S. 11f.]. Die
Leistungsreduktion ist eines der Schlüsselelemente bei der angestrebten
(bzw. postulierten) �inhärenten Sicherheit�.
So wurden
beispielsweise auch beim viel diskutierten fortgeschrittenen
Druckwasserreaktorkonzept AP600 von Westinghouse sowohl die Leistung
als auch die Leistungsdichte aus Sicherheitsgründen erheblich reduziert
[GRS 1994, S. 25]:
�Das Konzept des AP600 geht von einem
Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Leistung von 600 MWe aus. Es
wird ein Kern geringer Leistungsdichte mit einer mittleren
Stablängenleistung von 12,6 kW/m ... eingesetzt.�
Der
Europäische Druckwasser-Reaktor weicht mit seiner gewaltigen
elektrischen Leistung von rund 1600 Megawatt insofern erheblich vom
Stand von Wissenschaft und Technik ab.
Aufgrund der großen Leistung kann eine Kernschmelze von vornherein nicht ausgeschlossen werden.
6. Der EPR verfügt über keinen "kernschmelzfesten Sicherheitsbehälter"
Der
Europäische Druckwasser-Reaktor ist bereits aufgrund seiner
Leistungsgröße alles andere als ein �inhärent sicherer� Reaktor, bei
dem eine Kernschmelze durch die Konzeption des Reaktorkerns
ausgeschlossen werden soll. Insofern wird bei diesem Reaktortyp von
vornherein mit einer Kernschmelze gerechnet!
Das
Sicherheitskonzept sieht daher vor, dass der EPR Kernschmelzen
beherrschen können soll. Das Atomkraftwerk soll daher u.a. mit einer
doppelwandigen Sicherheitshülle (Containment) aus Stahlbeton
ausgestattet werden .
Doch auch wenn das Containment des EPR
gegen größere Drücke ausgelegt sein soll als die bisherigen, deutschen
Containments � die sich mit ihrem Stahlbehälter als absolute
Fehlkonstruktion erwiesen � wird auch beim EPR an der Sicherheit
gespart .
Lothar Hahn wies auf dem EPR-Workshop 1997 in Kiel
darauf hin, dass man sich beim Europäischen Druckwasserreaktor vom
�ersten Weg�, das Containment gegenüber allen denkbaren Belastungen
auszulegen, verabschiedet hat. Ein so genanntes �Supercontainment� �
wie am (Kern?)Forschungszentrum Karlsruhe (KfW) entwickelt � ist beim
EPR nicht vorgesehen [Hahn 1997, S. 13]:
�Den ersten Weg ist
man � zumindest eine Weile � beim KfK gegangen, indem man einen so
genannten �kernschmelzenfesten Sicherheitsbehälter� konzipiert hat, der
auch unter dem Schlagwort �Supercontainment� bekannt geworden ist. Den
zweiten Weg verfolgt man offensichtlich beim EPR ...�
Der
�zweite Weg�, der bei der Entwicklung des EPR verfolgt wurde, ist ein
kostenorientierter Weg, bei dem noch nicht einmal die Sicherheit
gewährleistet werden soll, die technisch möglich ist. Der Verzicht auf
einen �kernschmelzenfesten Sicherheitsbehälter� stellt erneut eine
Abkehr vom Grundsatz der �bestmöglichen Gefahrenabwehr und
Risikovorsorge� dar.
7. Das Auffangbecken für eine Kernschmelze birgt die Gefahr gefährlicher Dampfexplosionen
Als
die zentrale sicherheitstechnische Neuerung des Europäischen
Druckwasser-Reaktors wird von Siemens und Framatome der so genannte
�Core Catcher�, eine Auffang? und Ausbreitungsfläche für die
Kernschmelze angepriesen: Kommt es zur Kernschmelze und einem Absturz
derselben aus dem Reaktordruckbehälter, dann soll sich die Schmelze in
diesem Keramikbecken ausbreiten und anschließend mit Wasser gekühlt
werden [Fischer 1997, S. 38]:
�Als wesentliches
Auslegungsmerkmal für die Beherrschung dieser schweren Störfälle wurde
unterhalb des Reaktordruckbehälters eine Auffangfläche für die
Kernschmelze vorgesehen. ... Nachdem die Schmelze den Druckbehälter
verlassen hat, breitet sie sich aus und bildet eine gut kühlbare, dünne
Schicht. Erst dann wird sie durch Wasser aus dem innenliegenden
Flutbecken bis zur Erstarrung weiter abgekühlt, um sich innerhalb des
Sicherheitsbehälters zu stabilisieren. Um eine Wechselwirkung zwischen
Beton und Kernschmelze und damit ein Durchschmelzen der Fundamentplatte
zu verhindern, ist die Ausbreitungsfläche zusätzlich durch eine
geeignete Schutzschicht gesichert.�
Die Idee klingt gut und
plausibel und auch die von Siemens und Framatome verbreiteten Grafiken,
die diese Auffangfläche zeigen, erwecken den Eindruck eines ebenso
einfachen wie absolut sicheren Prinzips.
Tatsächlich jedoch
kann es kommt es beim Absturz der Kernschmelze auf diese Auffangfläche
und durch die Zufuhr von Kühlwasser mit nicht geringer
Wahrscheinlichkeit zu heftigen Dampfexplosionen.
So betonte
selbst Siemens/Framatome-Manager Ulrich Fischer auf dem EPR-Workshop
1997 in Kiel, dass die Auffangfläche zunächst absolut trocken sein
müsse, wenn die Kernschmelze sich darauf gleichmäßig � so die Hoffnung
� ausbreitet. Erst dann, wenn sich die Kernschmelze als dünne Schicht
verteilt hat, soll sie vorsichtig mit Wasser geflutet werden � in der
Hoffnung, dass es bei diesem Kontakt zwischen Kernschmelze und Wasser
nicht zu Dampfexplosionen kommt [Fischer 1997, S. 38]:
�Als
wesentliches Auslegungsmerkmal für die Beherrschung dieser schweren
Störfälle wurde unterhalb des Reaktordruckbehälters eine Auffangfläche
für die Kernschmelze vorgesehen. Um Dampfexplosionen zu verhindern, ist
diese Fläche zu Störfallbeginn trocken und gegen ungewollten
Wassereinbruch isoliert.�
Die Zuverlässigkeit dieses Systems
wurde 1997 auf dem EPR-Workshop der Schleswig-Holsteinischen
Landesregierung in Kiel intensiv diskutiert. Dabei räumte � wie oben
bereits dargestellt � selbst Ulrich Fischer ein, dass man dieses
Problem noch nicht gelöst habe.
Prof. Michael Reimann von der
Universität Saarbrücken stellte auf dem Workshop zahlreiche Experimente
vor, die zeigen, dass es beim Kontakt der Kernschmelze mit Wasser unter
verschiedensten Bedingungen zu Explosionen oder anderen Formen des
massiven Druckaufbaus kommen kann [Reimann 1997].
Egal ob die
Kernschmelze mit viel oder wenig Wasser in Berührung kommt, kann es zur
Zerstörung des Sicherheitsbehälters kommen [Reimann 1997, S. 66]:
�Dieser
Unfall mag als Beweis dienen, dass selbst bei extrem kleinen
Verhältnissen von Wasser zu Schmelze große Schmelzmassen an einer
explosiv-eruptiven Wechselwirkung teilnehmen können.�
Reimann
rechnet aufgrund diverser Experimente und einem Unfall in einem
Stahlwerk damit, dass es selbst bei kleinen Wassermengen in Relation
zur Kernschmelze mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer heftigen
Explosion kommt [Reimann 1997, S. 69]:
�Auch mit wenig Wasser
wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Reaktorgrube eine heftige
Wechselwirkung (Strombolisch oder Surtseyisch I) mit Ausblasen der
fragmentierten Schmelze in den Sicherheitsbehälter ausgelöst (siehe
IKE-Versuche, BETA-Versuch und Unfall im Stahlwerk).�
Im
(Kern?)Forschungszentrum Karlsruhe hatte man guten Grund, an einem
Supercontainment zu arbeiten. Denn in Karlsruhe führten bereits zwei
mal Experimente zur Simulation von Kernschmelzunfällen � unbeabsichtigt
� zu massiven Explosionen mit der Zerstörung der tonnenschweren
Versuchsapparaturen [Reimann 1997, S. 65]:
�- Bei der
PREMIX-Versuchsreihe am Forschungszentrum Karlsruhe wurden 10-12 kg
Aluminiumoxidschmelze in Wasservorlagen mit Höhen zwischen 0,5 und 1,6
m Höhe abgegossen. Bei allen zehn Experimenten mit einem Schmelzestrahl
trat heftiges Sieden mit moderatem Druckaufbau im Versuchsraum, aber
keine Explosion auf (Wechselwirkung submarin). Bei Einleitung der
Schmelze in drei Strahlen mit 20 kg Schmelze und mit 0,5 m Wasserhöhe
(ca. 160 kg Wasser) ereignete sich eine Explosion. Bei ca. 30 bar
zerbarst der Versuchsbehälter, die Schmelze wurde fein fragmentiert
(Surtseyisch II).
- In der BETA-Apparatur des
Forschungszentrums Karlsruhe wurde 600 kg Thermitschmelze in einen
Betontiegel abgegossen und induktiv beheizt. Zur Untersuchung des
Schmelzedurchbruchs in das Sumpfwasser wurde der Betontiegel in einem
Ringspalt von Wasser umspült. Bei einem ersten Versuch erstarrte die
austretende Schmelze und dichtete den Tiegel ab. Bei einem zweiten
Versuch gab es kurz nach dem Durchbruch durch die Tiegelwand eine
energiereiche Explosion, bei der die Tiegelhaube abgesprengt und die
über der Apparatur angeordnete, mehrere Tonnen schwere
Tauchsondenanlage ca. 6 m hoch gegen das Hallendach geschleudert wurde.
Die Schmelze war nach der Explosion in pulverisierter Form in der
Versuchshalle verteilt (Surtseyisch I).�
Auch in zahlreichen
weiteren Experimenten und Versuchsreihen zur
Schmelze-Kühlmittel-Wechselwirkung kam es zu heftigen Explosionen
[Reimann 1997, S. 61].
Die Gefahr von Dampfexplosionen war �
bezogen auf die Referenzanlage Biblis B � bereits im Rahmen der
Deutschen Risikostudie Kernkraftwerke ein zentraler
Diskussionsgegenstand [GRS 1980c, S. 4; vgl. auch GRS 1990]:
�Während
eines Kernschmelzunfalles kann es beim Kontakt der geschmolzenen
Kernmaterialien mit dem Restwasser im Reaktordruckbehälter im
Extremfall zu einer Dampfexplosion kommen.�
Auch in einer
vergleichenden Untersuchung der OECD aus dem Jahre 1997 werden Systeme
zur Kühlung einer Kernschmelze durch die Zufuhr von Wasser aufgrund der
Gefahr von Dampfexplosionen skeptisch gesehen [OECD 1997, S. 27]:
�There
have been concerns about increasing the potential for steam explosions
by the water injection strategy. However, with conditional
probabilities of containment failure due to steam explosions in the
range 10-4 to 10-3 or lower � the positive effect seems to outweigh the
drawback.�
Es zeigt sich, dass die Hersteller des EPR das
selbst gesteckte Ziel, nämlich die Beherrschung eines
Kernschmelzunfalls, mit dieser Idee einer Auffangfläche für die
Kernschmelze nicht erreichen können.
Von Henrik Paulitz, IPPNW
Literatur
Fischer, Ulrich
1997: Entwicklungsstand und Sicherheitsfragen des europäischen
Druckwasserreaktor (EPR). Nuclear Power International (NPI). In:
Ministerium für Finanzen und Energie des Landes Schleswig-Holstein. Der
geplante Europäische Druckwasserreaktor. Workshop am 20. November 1997.
S. 34-53.
Fischer, Ulrich; Leverenz, Rüdiger 1999: Ein Musterfall deutsch-französischer Zusammenarbeit. atw 2/99, S. 100-104.
GRS
1980c: Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke. Fachband 5. Untersuchung
von Kernschmelzunfällen. Studie im Auftrage des Bundesministeriums für
Forschung und Technologie (Hrsg.). Verlag TÜV Rheinland.
GRS
1990: Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke, Phase B. Eine Untersuchung
der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Im Auftrag des Bundesministers
für Forschung und Technologie (Herausgeber). Bonn 1989. Verlag TÜV
Rheinland (1990).
GRS 1994: Bestandsaufnahme und Beurteilung
von inhärenten Sicherheitsmerkmalen und passiven
Sicherheitseinrichtungen in probabilistischen Sicherheitsanalysen.
Dezember 1994. Von N. Wetzel und A. Scharfe. BMU-1998-511.
RSK
2000: Stellungnahme der Reaktorsicherheitskommission (RSK) zur
Weiterleitungsnachricht der GRS 2000/13. Fehlerbedingte sekundärseitige
Lastabsenkung und nicht erfolgter Stabeinwurf im
Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar, Block 1 (GKN-1) am 10.05.2000.
Hahn,
Lothar 1997: Einführung in die Tagung, sicherheitstechnische
Anforderungen und tatsächliche Entwicklungen in der Kerntechnik. In:
Ministerium für Finanzen und Energie des Landes Schleswig-Holstein. Der
geplante Europäische Druckwasserreaktor. Workshop am 20. November 1997.
S. 8-15.
OECD 1997: Level 2 PSA methodology and severe
accident management. Prepared by the CNRA Working Group on Inspection
Practices (WGIP). Organisation for Economic Co-operation and
Development. Paris. Unclassified. OCDE/GD(97)198.
Reimann,
Michael 1997: Unsicherheiten und Risiken bei Kernschmelzunfällen im
EPR. In: Ministerium für Finanzen und Energie des Landes
Schleswig-Holstein. Der geplante Europäische Druckwasserreaktor.
Workshop am 20. November 1997. S. 54-70.
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