Ulrich Meurer

Universität Wien

Washingtons Zähne

Anlässlich des 200. Geburtstags der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fragt Jacques Derrida nach dem deklarativen Akt und Eigennamen, die eine Institution gründen: Die Unterschrift der Urkunde sei es, die hier ein Volk erst erfinde, in dessen Namen vorgeblich unterschrieben werde. Damit aber verbinden sich rechtlich-politischer Gründungsakt und Vertretungsverhältnis; das Zertifikat der »Founding Fathers« schafft ein Volk und lässt es zugleich in der Repräsentation durch Schrift und Kongress verschwinden.
Angesichts des historischen Misstrauens Amerikas gegenüber Rechtsformen politischer Repräsentation (»not the committees that were supposed to stand for the rest but the rest themselves!«) mag das – fehlende oder finstere – Bild George Washingtons im Film als Entgegnung auf solche Entmündigung und Ersetzung verstanden werden. Wo uns populäre Filmgeschichte den Staatsgründer und ersten Präsidenten nicht vollends vorenthält, gerät er zum Maschinenmonster oder Menschenfresser. Und tatsächlich setzt Peter Medaks THE WASHINGTONIANS (2007) den Kannibalismus Washingtons mit Schrift, verbrieftem Wort und klandestiner Geschichtsschreibung ins Verhältnis und demonstriert damit die mehr als nur metaphorische Verzahnung von Logos und historischem Rechtstext einerseits und dem Bild einer Zahnreihe oder Beißprothese andererseits (McLuhan, ebenso Flusser).
Den filmischen Reflexen oder Relationen von Unterschrift und Bissspur will der Vortrag nachgehen und skizzieren, wie die Revolution – wenn sie Rechtsformen schafft – im Kino zuweilen Kinder frisst.

Vita

Ulrich Meurer ist Professor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien / Studium der Komparatistik und Theaterwissenschaft in München / Promotion in Amerikanistik und Filmwissenschaft in Konstanz / 2006-2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig / seit 2009 (Gast-)Professor für Film- und Medienwissenschaft in Wien
Forschungsschwerpunkte: Medien und (politische) Philosophie / Film- und Medienarchäologie / Intermedialität und Translatologie / letzte Buchpublikation: Übersetzung und Film. Das Kino als Translationsmedium. Bielefeld 2012.