Christiane Heibach

Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel

Kollektive Autorschaft? Eine kurze Geschichte der multimedialen Sprachkunst und ihrer Urheber

Die Verbindung von Autor und literarischem Werk ist so selbstverständlich, dass zumeist vergessen wird, wie eng sie an das Medium Buch gekoppelt ist. Bis in das 18. Jahrhundert hinein war die Poesie ein transmediales Phänomen, das sich eher im mündlichen Vortrag als im schriftlichen Text manifestierte und durchaus noch die mittelalterliche orale Überlieferung ohne eindeutige Autorschaft mitdachte. Vor allem Klassik und Romantik legten schließlich die Literatur auf das Buch fest – nicht zuletzt, weil die von ihnen angestrebte Autonomie der Künste danach verlangte: Der Künstler muss nun von seiner Kunst leben und seine Produkte in den freien Markt einspeisen. Paradoxerweise also verlangt die Autonomie der Kunst eine Ökonomisierung des Kunstwerks – so auch in der Literatur.
Und dennoch verschwindet deshalb die Idee einer kollektiven Autorschaft nicht: So schwärmten schon die Romantiker von der »Sympoesie« als Ergebnis kollektiver Kreativität. Dass gerade in Versuchen, die Medialität des Buches zu überschreiten, häufig auch der Begriff des Autors korrodiert wird, zeigt, wie sehr Medienstrukturen und Produktionsweisen miteinander gekoppelt sind. So belebten die Avantgarden des 20. Jahrhunderts akustische und performative Sprachkunstformen, ebenso wie zufallsgesteuerte Poesieproduktion jenseits des Buches, um sowohl den Literatur- als auch den Autorenbegriff zu entgrenzen. Mit dichtender Software und kollektiver Textproduktion fordern nun die neuen Medien das Konzept des Einzelautors erneut heraus und entwickeln Literaturformen, die weder ein abgeschlossenes Werk noch einen eindeutig zuordenbaren Urheber aufweisen.
Der Vortrag stellt verschiedene Beispiele aus unterschiedlichen Epochen vor und untersucht dabei die Wechselwirkung von medialen Strukturen und spezifischen Produktionsformen auch in Bezug auf die Frage nach der Zukunft der Urheberschaft.

Vita

Medien- und Literaturwissenschaftlerin, geb. 1967, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Bamberg, Heidelberg und Paris. 2000 Promotion an der Universität Heidelberg mit einer Studie über Internetliteratur; 2007 Habilitation an der Universität Erfurt mit einer Arbeit über multimediale Aufführungskunst. 2009-2013 Durchführung des DFG-Projekts »Epistemologie der Multimedialitat«, derzeit Senior Researcher am Institut Design- und Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel und Gastwissenschaftlerin an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.