Thomas Christian Bächle

Universität Bonn, Abteilung Medienwissenschaft

Was schützt Datenschutz eigentlich? – Digitale Identitäten und Post Privacy als Effekte des Überwachungsdiskurses

Das Bundesdatenschutzgesetz (§3) definiert »personenbezogene Daten« näher als »Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben«. Ein Vergleich des rechtlichen Schutzes von »privacy codes« in europäischen Ländern zeigt Parallelen besonders im Hinblick auf die Bedingungen der Erhebung und Sammlung von sowie dem Zugriff auf »persönliche Informationen« über »Datensubjekte« (Bennett/Raab 2003). Diese rechtliche Fundierung hat, nicht zuletzt durch ihre populärkulturelle Verbreitung eines Gefahrendiskurses um eine durch »falsche« Mediennutzung gefährdeten »Privatsphäre«, eine eigentümliche Essentialisierung von Daten als Identitäten zur Folge. Die derzeit heftig diskutierten Problemfelder um Überwachung und Datenschutz und die kulturellen Figuren von big data, identity theft oder post privacy unterstreichen ihrerseits die gerne vollzogene Gleichsetzung von Daten-Profil und einer im Digitalen auflösbaren Vorstellung des Selbst.
Daten hingegen sind bekanntermaßen mitnichten neutrale gegebene Entitäten, sondern vielmehr künstlich gemachte Artefakte (Latour 2008). Wie der Vortrag an Beispielen argumentieren wird, bestimmen die normativ-rechtlichen Rahmenbedingungen der Überwachung und des Schutzes von »privaten Daten« die diskursiven Ordnungssysteme sinnhafter Identifikationen und Folien des Selbst. Neben der Konstruktion von körperlosen »data subjects« (Lyon 2002) werden neue Klassifikationssysteme sichtbar, die durch Profiling gar eine Überwachung von erst in der Zukunft realisierten Handlungen insinuieren (Bogard 1996), wodurch simulierte Identitäten des not yet entstehen. Die rechtliche Fixierung »personenbezogener Daten« ist zusätzlich eine wichtige Referenz bei der Konstruktion einer vermeintlichen Post-Privatheit. Datenschutz wird damit zur normierenden Geste, die den reinen »Wert des Privaten« (Rössler 2001) als einen Ursprungsmythos erschafft.

Vita

Thomas Christian Bächle arbeitet seit September 2008 in der Abteilung Medienwissenschaft des Instituts für Sprach-, Medien und Musikwissenschaft der Universität Bonn. Promotion 2012 über den Zusammenhang von Technologie, Körper- und Identitätskonstruktionen. Interessensschwerpunkte: Kulturelle Identität und Medien, Raum und Körper, Visual Culture und Überwachung.