Simon Egbert

Universität Bremen

Lügendetektion per Neuroimaging im Deutungskontext visuell-maschineller Expertise und die veränderte Medialität einschlägiger rechtlicher Praxen

Obgleich der BGH 1998 entschieden hat, dass polygrafische Verfahren »völlig (ungeeignete) Beweismittel« (Az. 1 StR 156/98) generierten, sind Lügendetektoren regelmäßige Begleiter hiesiger Zivil- und Strafprozesse. Diese Asymmetrie wird ergänzt durch die in Fachkreisen erwartete baldige Einführung bildgebender Verfahren der Lügendetektion in den forensischen Kontext (so z.B. für die Beantwortung der Fragen nach Schuldfähigkeit, Glaubwürdigkeit und Gefährlichkeit).
In techniksoziologisch und artefakttheoretisch informierter Lesart einerseits, aus Perspektive der visuellen Wissenssoziologie andererseits, soll exemplarisch analysiert werden, inwieweit bildgebende Verfahren der Lügendetektion in Bezug auf ihre visuelle Medialität als eine überzeugendere Form der Glaubwürdigkeitsfeststellung wahrgenommen werden und auf welche Weise sich dabei einschlägige medial-rechliche Praktiken verändern (könnten).
Bei der Bearbeitung der genannten Frage ist die These leitend, dass es auf Grund der strukturellen Andersartigkeit des genutzten Mediums einen praktischen Unterschied macht, ob ein forensisches Gutachten auf Basis eines human operierenden Erhebungsverfahrens erstellt wird, oder ob diesbezüglich eine maschinelle Apparatur die Vermittlung übernimmt – wie es beim herkömmlichen Polygraphen und der Hirnbildgebung der Fall ist. Ferner wird konstatiert, dass Visualität als eigener Modus der Wissensdarstellung zu verstehen ist, dass bildliches Wissen spezifische epistemischen Eigenarten aufweist und ein besonders ausgeprägtes Potential der Wirkmächtigkeit besitzt, weil sie durch ihre augenscheinliche Eindeutigkeit Evidenz verspricht. Daher scheint es ebenso zwingend wie folgerichtig, bildgebenden Verfahren in ihrer (möglichen) zukünftigen Rolle im Gerichtsaal und ihrer sozialen Wirkmächtigkeit in der Rechtspraxis, z.B. in Bezug auf die Institutionalisierung des »neuromolekularen Blicks« (Abi-Rached/Rose 2010), zu diskutieren.

Vita

seit 11/2013: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt »Anwendungsrationalitäten und Folgen von Drogentests'.
seit 05/2013: Promotion am Institut für Kriminologische Sozialforschung (IKS) der Universität Hamburg zum Thema »Die soziale Macht des Testens – Von Drogentests als soziotechnische Ensembles zu einer »Soziologie des Testens«?'.
10/2010-04/2013: Studium der Internationalen Kriminologie am IKS an der Universität Hamburg (Master of Arts).
10/2007-09/2010: Studium der Social Sciences am FB Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück (Bachelor of Arts).